Credo. Ein Glaube, der alle verbindet. Vortrag und Diskussion mit Br.David Steindl-Rast, Als Nachschrift herausgegeben von Gerhard Kracht, Dortmund 2011
am Mittwoch, 20. Oktober 2010, 20 Uhr, Evangelische Ludwigskirche, D-79104 Freiburg, aus dem Mitschnitt aufgezeichnet.
Herzlichen Dank,
ich freue mich wieder, in Freiburg zu sein. Ich bin sehr dankbar, der Gemeinde, der katholischen Akademie und Herrn Dr. Schwab und auch dem Herder-Verlag, auch für die Ausstattung des Buches, dem ich dankbar bin. Zunächst hätte ich auch gedacht, dass ich vielleicht gleich beginnen könnte über das Buch zu sprechen und über die einzelnen Teile des Buches. Je mehr ich darüber nachgedacht habe, umso klarer ist mir geworden, dass wir eigentlich damit auf das Gespräch warten müssen, nach dem Vortrag.
Denn wir müssen zuerst uns darüber klar sein, was eigentlich ein Glaube ist, der alles verbindet. Und wenn wir uns darüber einmal klar sind, dann können wir auch die verschiedenen Glaubenssätze des Credo oder irgendeines anderen Textes nehmen und verstehen. Aber das kann man nicht voraussetzen, und so möchte ich zunächst einmal über die Voraussetzungen sprechen, d.h., was meinen wir mit einem Glauben, der alle verbindet. Das können wir wieder in drei Fragen unterteilen:
Was meinen wir, wenn wir vom Glauben sprechen?
Wen meinen wir, wenn wir ‚alle‘ sagen? Dieser Glaube verbindet.
Was können wir tun, um diese gläubige Verbundenheit in uns selbst zu nähren und überhaupt erst zu finden?
Wenn wir diese drei Fragen beantworten können, dann wird es uns sehr leicht fallen, Glaubenssätze, auch Glaubenssätze, die uns sonst schwierig und unzugänglich erscheinen, viel besser zu verstehen und, wie gesagt, das möchte ich dann, wenn es Sie interessiert, im Gespräch mit Ihnen versuchen, denn Sie können ja Ihre Lieblingsglaubenssätze oder die, mit denen Sie die meisten Schwierigkeiten haben, ins Gespräch bringen.
Ich muss Sie also bitten, mitzudenken, aber mehr als Mitzudenken. Denn ich möchte Ihnen hier nicht etwas voraussetzen, sondern es ist mehr eine Einladung zum Mitdenken und darüber hinaus zum Nachdenken. Und über was wir nachdenken wollen, ist die Sprache. Martin Heidegger hat einen schönen Ausdruck geprägt: „Der Sprache nachdenken.“ So wie man einem Weg nachgeht, kann man der Sprache nachdenken. Und wir wollen hier u. a. auch der Sprache nachdenken, vor allem aber, ihrem eigenen Leben nachdenken. Es kommt alles darauf an, dass wir in genügend Verbundenheit heute Abend, dass das, was ich sage, Sie anregt, Ihrem eigenen Leben, Ihrer eigenen Erfahrung nachdenken und sich von Ihrer eigenen Erfahrung lenken zu lassen. Was ich sage, entspringt meiner eigenen Erfahrung. Wird aber für Sie erst dann wahr, wenn es Ihrer Erfahrung entspricht und es Ihrer Erfahrung nicht entspricht, dann haben wir eben im Gespräch Gelegenheit für Sie zu sagen, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Entweder habe ich mich dann nicht gut ausgedrückt oder unsere Erfahrungen sind sehr verschieden. Ich hoffe aber, dass ich auf eine ganz grundlegende Erfahrung zu sprechen kommen kann, von denen man voraussetzen darf, dass sie bei allen Menschen, soweit man verallgemeinern darf, ein Echo finden. Wenn wir also mit der Frage beginnen, was verstehen wir unter Glauben und ich mich an Ihre eigene Erfahrung dabei wende, dann müssen wir zunächst die Unterscheidung treffen zwischen Glauben und für Wahrheiten. Im alltäglichen Gebrauch des Wortes Glauben machen wir diese Unterscheidungen nicht. Jemand sagt: „Wird es morgen regnen“ und jemand anders sagt: „Ich glaube“. Das ist nicht dass ich glaube, dass man im Credo ausspricht, sondern in der Kirche. Das ist etwas ganz anderes. Das ist für wahr halten. Das kann stimmen, das kann nicht stimmen. Wenn wir im Credo sagen „Ich glaube“ kommt es von dem lateinischen Wort, das aus zwei Wurzeln zusammengesetzt ist. Eines ist das Chor = das Herz und Do = ich gebe. Ich gebe mein Herz. Ich setze mein Herz auf etwas. Ich spreche hier von etwas, auf das ich mich so tief verlasse, dass mein ganzes Herz darauf setze. Das heißt Credo. Der Glaube ist also nicht ein für Wahr halten. Der christliche religiöse Glaube, um den es hier geht, ist nicht ein für Wahr halten im intellektuellen Sinne, sondern alle unsere intellektuellen Kräfte fließen auch darin ein. Aber es geht um weit mehr. Es geht um ein sich verpflichten, ein sich so Hingeben daran, dass man sich für etwas verpflichtet, was daraus entspringt. Wenn ich mein Herz auf etwas setze, dann verpflichte ich mich auch, dafür zu tun und danach zu handeln. Es geht also um weit mehr. Und wie erleben wir also jetzt im tiefsten ursprünglichsten dieses Glauben sich verlassen, dieses ganzheitliche Vertrauen, dieses ein Herz auf etwas setzen. Wie erleben wir das im Leben.
Und jetzt gehe ich weit vom Credo weg auf unser allgemein menschliches Leben und jemand, der noch nie vom Christentum etwas gehört hat, müsste auch hier jetzt mitkommen. Das ist der Grundsatz. Denn das Buch ist ja aus dem interreligiösen Gespräch entstanden und zwar aus meiner Erfahrung, dass wir im interreligiösen Gespräch meistens sehr harmlose Texte heranziehen, mit denen jeder irgendwie übereinstimmen kann. Aber man scheut sich sehr spezifisch, christliche Texte mit Buddhisten zu besprechen, weil man glaubt, ich kann das nicht verstehen. Und die Buddhisten haben die gleiche Scheu, ihre ganz spezifischen Texte mit uns zu teilen, weil sie glauben, das verstehen die ja sowieso nicht. Das kann auf einer gewissen Ebene sogar stimmen. Wenn wir aber wirklich in ein interreligiöses Gespräch eingehen wollen, wenn wir wirklich, dann müssen wir den Glauben finden, die alle verbindet, der uns mit unserem Gesprächspartner verbindet. Und dann müssen wir tiefer gehen, dann müssen wir auf diesen existentiellen Glauben gehen, der sich dann in den Glaubenssätzen ausdrückt. Und in verschiedenen Glaubensgemeinschaften ganz verschieden ausdrückt. Die buddhistische Lehre und Tradition ist in einer ganz anderen Welt entstanden als die christliche. Und ich nehme jetzt nur z. B. diese beiden Traditionen. Buddhistisch in einer ganz anderen Welt entstanden, zu einer ganz anderen Zeit in einer ganz anderen Kultur und hat sich auch im Laufe der Jahrhunderte ganz anders weiterentwickelt als die christliche. Daher darf man nicht erwarten, dass die Glaubenssätze einander ähneln, aber was jeder Glaubenstradition zugrunde liegt, ist dieser menschliche Urglaube. Ist dieses uns Verlassen, ist dieses unser Herz schenken. Und wenn wir tief genug, das ist jetzt eben meine These, wenn wir tief genug in irgendeinen Glaubenssatz eindringen von irgendeiner Tradition, dann kommen wir schließlich zu diesem tiefen Glauben, der uns alle verbindet. Das ist die grundlegende These, und die wollen wir jetzt gemeinsam erarbeiten und gemeinsam nachspüren, auf ihrem eigenen Leben beruhen. Und darum müssen wir mit der Frage beginnen, was sind diese großen Fragen, was sind diese großen Fragen im Leben, die unsere Gläubigkeit herausfordern.
Und da würde ich drei Fragen vorschlagen.
Die erste ist: „Was ist denn der tiefste Grund von allem“. Wer hat sich das nicht schon einmal gefragt. Besonders Kinder fragen das. Wir müssen oft weit zurückgehen. Wir haben das schon längst vergessen, solche Fragen zu stellen. Aber Kinder sind tiefe Philosophen und als Kinder haben wir uns meist auch schon diese Fragen gestellt. Warum gibt es denn überhaupt etwas und nicht nichts, warum ist nichts, warum ist etwas. Solche Fragen. „Also, was ist der tiefste Grund von allem?“ das ist eine dieser Fragen. Und ich glaube, dass es eine Frage ist, die Sie sich auch schon selber gestellt haben. Und wenn Sie nicht aus ausdrücklich gestellt haben, dann steht sie doch weit hinter vielem von unserem Leben. Dahinter weitgehend und ist nicht umsonst, uns diese Frage ausdrücklich zu stellen.
Eine andere Frage, die auch so eine ganz Grundlegende ist, ist: „Wer bin ich“. Wenn wir fragen „Wer bin ich“, dann wird meistens …., versuchen Sie es einmal, sagen Sie schnell in Ihrer Vorstellung, sagen Sie mir in Ihrer Vorstellung, wer Sie sind. Auf eines kann man sich dabei immer verlassen, alle diese Antworten haben eines gemeinsam. Sie drücken eine Beziehung aus. Sie drücken irgendeine Zugehörigkeit aus. Entweder zu einer Familie, zu einem anderen Menschen, zu einem Land, zu einer Sprache, zu einer Berufsklasse. Sie drücken immer eine Zugehörigkeit aus. Wie antworten auf die Frage „Wer bin ich“ mit einer gewissen Zugehörigkeit. Jedenfalls ist das auch eine der ganz tiefen Fragen, auf die ich gleich zu sprechen kommen möchte.
Und 3. ist: Worum geht es eigentlich im Leben?“. Worum geht es eigentlich im Leben. Ich habe einmal einen bezeichnenden Witz gesehen. Da sitzt jemand auf einem kleinen Planeten, Weltall und rundherum sind alle die anderen Planeten und er sagt: Ich zitiere erst in Englisch „I want to know!“ Ich möchte wissen, worum es sich bei dieser ganzen Show handelt, bevor sie zu Ende ist. Das fragen wir also auch. Wir wollen das wissen, das ist auch eine dieser großen Fragen.
Wie kommen wir zu einer Antwort. Nur, in dem wir uns verlassen, in dem wir uns auf etwas verlassen. Und das ist das Entscheidende. Nur durch Gläubigkeit kommen wir zu irgendeiner Antwort auf diese großen Fragen. Zunächst, was ist der tiefste Grund von allen. Wir wissen nicht, woher wir kommen. Wir wissen es bis zu einem gewissen Grad. Und wenn wir ganz weit zurückgehen wollen, wissen wir es jetzt bis zum Urknall. Aber danach auch nicht mehr oder vorher oder besonders, weil es kein vorher gibt, wird es sehr problematisch. Wir wissen nicht woher wir kommen, wir wissen nicht wohin wie gehen. Im Glauben haben manche Menschen eine tiefe gläubige Überzeugung, wohin sie gehen können und sogar in einem Glaubenssatz ausdrücken und kein Christ wird es in einer anderen Weise ausdrücken als ein Buddhist oder ein Hindu. Es gibt ganz verschiedene Ausdrucksweisen dafür. Aber letztlich ist es, was immer wir dazu sagen, in einem Glaubenssatz Ausdruck dieser tiefsten Gläubigkeit. Das wir vertrauen, dass dieser Urgrund, dieser urgründliche Urgrund, um den es sich hier handelt, völlig unergründlicher Abgrund, dass wir uns irgendwie auf den verlassen können. Dass darin irgendwie eine Verlässlichkeit liegt. Und da sehen Sie schon, dass das ein Akt ist, der Glaube ist ein Akt. Es ist etwas, was Sie tun müssen, ja Sie können diesen Glaubenakt verweigern, Sie können einfach verweigern zu sagen, dass irgendetwas Sinn hat. Wenn Sie sich darauf verlassen, dass dieser Urgrund, diese Unergründlichkeit, aus der wir stammen, auf die wir zugehen und ständig unter allem liegt, dass die Sinn hat, wenn wir uns darauf verlassen, dann finden wir Sinn. Wenn wir uns nicht darauf verlassen, können wir nicht Sinn finden. Das heißt nicht, dass es zwingend ist, sich darauf zu verlassen. Aber wenn wir ein sinnvolles Leben leben wollen, müssen wir uns irgendwie darauf verlassen, uns verlassen. Das ist auch so schön wie in der Sprache ausgedrückt. Wir müssen uns verlassen auf etwas hin in diesem Vertrauen.
Darüber wird noch mehr zu sprechen sein, aber ich möchte zur nächsten Frage übergehen „Wer bin ich“. Und da finden wir uns jetzt als einen Teil der unbegreiflichen Vielfalt von Dingen, die ebenso unbegreiflich ist. Unbegreiflich, wir können sie nicht greifen, das ist viel zu viel. Ebenso unbegreiflich ist wie dieser Urgrund, aus dem wir stammen. Unbegreifliche Vielfalt, und wir sind ein Teil davon. Es gibt mich. Wir finden uns hier vor. Es gibt mich. Wenn wir das einmal wirklich durchdenken, wenn wir dem wirklich nachdenken, diesem einen kleinen Satz. Es gibt mich. Unbezweifelbar, es gibt mich. Es. Was ist dieses Es. Das es mich gibt. Ich finde mich vor und es gibt mich. Und es gibt mich jeden Augenblick. Und es gibt mich jeden Augenblick neu. Und dieses Es ist dieser unerschöpfliche Urgrund, aus dem wir jeden Augenblick die Vielfalt, die unbegreifliche Vielfalt aller Dinge hervorquillt. Und auch darauf muss ich mich irgendwie verlassen. Es gibt mich. Damit muss ich mich irgendwie abfinden. Der Glaube, der dem unergründlichen Ursprung entspringt, ist das sich Verlassen auf die Verlässlichkeit von allem, was es gibt. Sich Verlassen auf diese Verlässlichkeit von allem, was es gibt. Dass es mich gibt. Dass es ein Leben ist, dieser unbegreiflichen Vielfalt, fasslich im Glauben als eine ehrfürchtige Begegnung mit dem alten Du. Und dieses alte Du kann dieser Grund sein, aus dem ich stamme, aus dem ich komme. Ich kann mich an diesen Grund wenden im Vertrauen. Dass es mich gibt, bedeutet, dass ich mich an dieses Es wenden kann, das mich ständig gibt. Ich kann eine persönliche Beziehung haben zu diesem Es, dass es mich gibt. Das ist ganz besonders eine christliche Betonung, aber es ist eine Urerfahrung des Menschen, die aber im Christentum ganz besonders stark betont und herausgestellt wurde. Es ist sozusagen einer der ganzen großen Beiträge der christlichen Tradition zu diesem menschlichen Urglauben. Dass es diesen unerschöpflichen Urgrund gibt, dass es diese Vielfalt gibt, das ist unbezweifelbar. Dass ich mich aber verlassen kann auf diesen Urgrund, das ist auch noch Glaubensgegebenheit. Dass ich aber eine ganz persönliche Beziehung haben kann mit diesem Urgrund, das ist christlich. Das ist ausschließlich christlich. Aber das ist durch Jesus Christus eingeführt worden, der sich an diesen Urgrund wendet und ihn persönlich Vater nennt. Anders sogar mit einer warmen persönlichen Beziehung. Gerade weil es ein warmes persönliches Wort ist, würden wir heute eben auch wieder, kulturell bestimmt, würden wir heute Mutter sagen. Mütterlich, dieser Urgrund dieses Nichts, aus dem alles hervorströmt, kann man als einen mütterlichen Schoß erfahren, einen fruchtbaren Schoß, aus dem alles hervorkommt, und wir können uns liebend an dieses andere Du anlehnen. Dass es das Es gibt, ist eine mütterliche Erfahrung, kann erfahren werden als eine Mütterlichkeit, an die ich mich wenden kann. Und da sind wir schon beim Dritten.
Worum geht es letztlich im Leben? Um die unerschöpfliche Lebendigkeit, diese unerschöpfliche Lebendigkeit ist diese dynamische Wirklichkeit. Wir haben das Nichts, wir haben die Fülle und wir haben eine dynamische Wirklichkeit, die beiden verbindet. Und diese dynamische Wirklichkeit drückt sich ganz in einer Gläubigkeit aus, und diese Gläubigkeit könnten wir jetzt Dankbarkeit nennen. Es gibt mich, das ist die Verlässlichkeit. Ich verlasse mich auf dieses Es, das Mich als einen Teil des Ganzen. Der Glaube drückt sich hier als Begegnung aus, als ehrfürchtige Begegnung, als Beziehung, Bezogenheit. Ich verstehe mich immer als Bezogenheit, als eine Zugehörigkeit. Und das Dynamische drückt sich aus als Glaube in Dankbarkeit. Denn wenn es mich gibt, dann ist die einzige passende Antwort Dankbarkeit. Ich lebe in einer gegebenen Welt, zu einer gegebenen Zeit und unter gegebenen Umständen. Alles ist gegeben, also ist die einzige passende Antwort Dankbarkeit dafür. Sehr schwierige Fragen ergeben sich. Da kann man wirklich für alles dankbar sein. Meine Antwort ist Nein. Man kann unter allen Umständen dankbar sein. Die Antwort ist: Ja. Das können wir hier im Augenblick nicht ausführen, aber ich bin sehr gerne bereit, das dann mit Ihnen weiter zu besprechen. Was für uns im Augenblick wichtig ist, ist dass die Antwort auf „Was verstehen wir unter Glauben“ eine dreifache sein kann. Weil es mich gibt, können wir sagen, den Glauben können wir verstehen, das uns verlassen auf die Verlässlichkeit des Urgrundes. Wir können es verstehen als die ehrwürdige Begegnung mit allem, was es gibt, mit allem, es gibt. Und als dynamische Dankbarkeit und Dankbarkeit nicht als Danke sagen, sondern als Danke leben auf Erden. Die Vögel danken, in dem sie singen und die Blumen, in dem sie blühen und die Menschen, in dem sie tun was immer sie tun. Eine Mutter dadurch, dass sie mütterlich ist für ihre Kinder und ein Wissenschaftler dadurch, dass er Wissenschaft treibt und ein Lehrer dadurch, dass er lehrt und ein Schuster dadurch, dass er Schuhe macht. Dadurch, was wir tun, zeigen wir unsere Dankbarkeit. Jedes Ding weiß sich dankbar dadurch, dass es tut was es ist. Soviel zu der Frage, was verstehen wir unter Glaube.
Wer sind die alle, um die es sich hier handelt? Da können wir uns kürzer fassen. Alle, die es gibt und alle, die es gibt, sind eben alle, die es gibt. Menschen, Tiere, Pflanzen. Aber nicht dort müssen sie stehen bleiben. Denkrichtungen, Worte, Religionen, alles, was es gibt ist darunter verstanden, dass es alles, das ist alles, wozu wir Beziehung haben. Das ist alles, womit uns der Glaube verbindet. Denn der Glaube ist ja die Antwort darauf, dass es alles gibt. Und dadurch wird der Glaube auch religiös, das macht den Glauben religiös im vollen Sinne des Wortes Religion, das auf Religio. Ich sage das immer mit Vorsicht, weil die Ethnologen nicht sicher sind. Das ist nicht jedenfalls die einzige Ableitung des Wortes Religio. Das ist die schönste, die passendste und auch die Wirklichkeit entsprechende Religio, im besten Sinne ist Verbindung von etwas, was zerbrochen und zerrissen war, ein Religar, ein wieder verbinden ein wieder verbinden. Und dieser Glaube, der uns mit allem verbindet, ist daher der wahrhaft religiöse Glaube. Religiosität ist aber etwas anderes als die Religion. Religionen sind kulturelle Formen, in denen sich die Religiosität ausdrückt und die Religionen sind nicht immer religiös und sind nicht in allen Teilen religiös. Da muss man dann sehr vorsichtig sein. Wir sprechen hier von Religiosität und wir hoffen und wir bemühen uns darum, wenn wir in einer Religion aufwachsen und in einer Religion stehen, die Religion auch religiös zu machen. Aber hier sprechen wir von Religiosität, von dem Glauben, der tiefer liegt als die Glaubenssätze und von einer Verbundenheit mit allem, die tiefer liegt als die Verbundenheit. Sogar mit unseren Glaubensgenossen. Vielleicht gibt es dazu auch noch wichtige Fragen.
Und jetzt zur 3. Frage. „Wie können wir diese gläubige Verbundenheit in uns selber finden.“ Davon haben wir schon gesprochen. Und wie können wir sie fördern. Ich möchte noch einmal einige Punkte geben, die unbedingt nötig sind, damit wir sie finden. Und das erste ist ein furchtloses Umgehen mit anderen. Ein furchtloses Umgehen mit anderen. Man sieht, dass Menschen, die wirklich eine Verbundenheit mit anderen erleben und fühlen immer die sind, die anderen ausgesetzt waren. Menschen, die diese Verbundenheit nicht fühlen, sind typisch die, die sich auch nie anderen ausgesetzt waren. Ich habe noch nicht jemanden getroffen, aber ich bin immer offen, dass es die Möglichkeit gibt, aber ich habe noch nie jemanden getroffen, der wirklich anderen Ideen, anderen Religionen ausgesetzt war und nicht ein Verständnis für sie aufgebracht hat. Aber ich bin sehr viel Menschen begegnet, die anderen Religionen völlig nicht nur gleichgültig, sondern oft feindselig gegenüberstehen und noch nie einen Menschen von dieser Religion persönlich kennengelernt haben. Also persönlich andere Menschen kennenlernen, ist die erste Grundlage in diese gläubige Verbundenheit, ja um die es uns geht und um die es der ganzen Welt heute geht. Denn wenn wir nicht Nicht finden, dann gibt es wenig Hoffnung für unsere Zukunft. Wir müssen diese Religionskriege und viele Kriege sind leider Religionskriege, überwinden lernen. Ein zweiter Punkt, was wir noch haben müssen, um diese gläubige Verbundenheit zu finden und zu folgen, ist ein Verständnis für Dichtung. Das wird Sie vielleicht überraschen, aber es ist ungeheuer wichtig, denn die wichtigsten Texte aller religiösen Traditionen sind in dichterischer Sprache ausgedrückt. Auch unsere eigenen als Christen. Und wir sind uns oft dessen gar nicht bewusst. Wenn wir aber lernen und darum fallen wir oft in die Falle und nehmen sie wörtlich. Das wäre so, wie wenn wir ein ganz tiefes Erlebnis haben, das sich nur in dichterischer Sprache ausdrücken kann und es dann wörtlich nehmen. Und wenn wir ganz tiefe, nicht nur religiöse, sondern auch tiefe emotionale Erlebnisse haben, drücken wir sie immer ganz spontan dichterisch aus. Jeder Liebende wird sagen „Ich schenke dir mein Herz“. Das hat nichts mit Herzchirurgie zu tun. Das wissen wir, das ist völlig offensichtlich. Aber wenn wir zu religiösen Texten kommen, die so etwas Ähnliches sagen, dann nehmen wir sie plötzlich wörtlich. Es ist uns gar nicht bewusst im christlichen Bereich. Ich nenne das nur als ein Beispiel hier, weil wenn ich annehmen, dass die meisten entweder Christen sind oder vertraut sind mit diesen Texten. Und es hat wenig zu tun. Die Kritiker der Religionen sind ebenso oft Opfer des wörtlichen Nehmens von dichterischen Texten wie die Gläubigen selbst. Christen sind sehr selten nicht bewusst, dass Vater das Wort für Gott als Vater, ein dichterisches Wort ist. Das heißt nicht, dass es weniger wahr ist. Es heißt nur, dass es vielmehr wahr ist als wir es anerkennen können als wenn wir es wörtlich nehmen. Oder Sohn, unsere Sohnschaft, unsere Gotteskindschaft, dass es dichterische Wörter sind. Ja, dass das Wort Gott selbst ein Wort ist, ein mit dichterischen Werten völlig angefülltes Wort, aber ein Wort und nicht jemand. Es ist nicht so etwas wie Tisch oder Hund oder Baum, sondern es ist ein dichterisches Wort, das in eine Richtung weist. Augustinus sagt, unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir oh Gott. Und das heißt nicht, ich kenne dich ja und jetzt weiß ich, dass mein Herz unruhig ist, bis es in dir ruht. Nein, ich weiß nichts als mein Erlebnis, ich kenne nichts als mein Erlebnis, das unruhig ist und in eine Richtung weist und diese Richtung nenne ich Gott. Und wenn ich etwas fände, weiß ich, das weist in diese Richtung. Wenn es mein Herz beruhigt. Es ist nicht etwas, es ist nicht jemand. Wir sind völlig eingebettet darin. Also ein Verständnis für Dichtung ist ungeheuer wichtig, ebenso ein furchtloses Umgehen mit anderen.
Und ein drittes, das ich noch nennen würde, ist Dankbarkeit. Und er sah, weil wir durch Dankbarkeit und er nicht nur durch eine gepflegte Dankbarkeit, nicht nur, dadurch dass wir halt dankbar sind, wenn uns etwas Nettes passiert und undankbar, wenn es nicht passiert. Sondern eine dankbare Haltung dem Leben gegenüber, dass, was dem entspricht, wie wir schon gesagt haben, dass alles Gabe ist, dass alles, was es gibt, Gegebenheit ist, dass wir in einer gegebenen Welt leben. Diese Art von dankbarem Leben, die versetzt uns in das Jetzt, denn dankbar kann man immer nur im Jetzt sein. Man kann für die Vergangenheit dankbar sein, man kann für die Zukunft dankbar sein, aber man kann nur im Jetzt dankbar sein. Und wenn wir im Jetzt sind, dann sind wir in unserem Selbst, dann sind wir mit unserem Wahn selbst verbunden. Dann müssen wir die Entscheidung treffen zwischen unserem Selbst und unserem Ich. Und nur unterscheiden, nicht trennen, nicht das eine gut macht und das andere schlecht, aber das Ich ist immer in der Zeit eingebaut. Und wir können uns mit dem Ich identifizieren. Und dann geht alles schief, dann stecken wir in der Zeit drinnen, dann sind wir vereinsamt, dann sind wir abgesetzt von anderen, mit ihrem Ich identifizieren. Im Augenblick, wo wir im Jetzt sind, sind wir mit unserem Selbst verbunden und dieses Selbst ist eines, was uns alle vereint. Das ist eines für alle. Wir können es auch anders angehen. Vielleicht etwas leichter. Wir alle wissen, dass wir unser Denken beobachten können. Wir können sozusagen innerlich einen Schritt zurück machen und uns beobachten beim Denken. Und bemerken, dass wir unser Denken gar nicht so im Griff haben. Wir können nicht aufhören zu denken. Es denkt uns. Wir sollten das Denken als ein Werkzeug verwenden können, aber stattdessen geht es immer vor und wir können gar nicht mehr Einhalt gebieten. Also wir können das beobachten. Trotzdem identifizieren wir uns so leicht mit dem Denken. Ich denke, daher bin ich. Stimmt. Aber es geht noch etwas ein Schritt zurück. Das ich, das ich bin, ist nicht nur das Denken, sondern ist das ich, das Denken beobachten kann und dieser Beobachter, dieser innere Beobachter. Da richte ich mich wieder an Ihre Erfahrung. Den kennen Sie doch, diesen inneren Beobachter. Der ist einer für uns alle. Das ist unser Selbst. Der Beobachter. Ich kann es noch einmal anders sagen. Wir haben alle eine Identität, Identifikation. Leider brauchen wir heute bei vielen Anlässen einen Identifikationsschein, irgendein Fotoausweis, den wir ausweisen können. Wir haben sogar viele Identifikationen. Eine Frau kann Mutter sein, sie kann zugleich Lehrerin sein, sie kann zugleich Ärztin sein. Wir haben viele Identifikationen. Aber wir haben nur eine Identität. Und diese eine Identität als Mensch ist uns allen gemeinsam. Wir sind Menschen. Wenn wir den Beobachter finden, haben wir das Selbst gefunden, die Identität, die uns mit allen verbindet. Und darum ist es so wichtig, denn die Dankbarkeit führt uns jedes Mal, wenn wir dankbar sind, in das Jetzt und dadurch in das Selbst und dadurch in die Verbundenheit. Das ist ein Weg und vielleicht der königliche Weg, in dem wir die gläubige Verbundenheit mit allem, was es gibt fördern und folgen können. Und aufgrund dieser Einsichten können wir das Credo durchdenken. Und das möchte ich eben gemeinsam mit Ihnen jetzt tun.
Aber eben im Gespräch, denn aus der Vielfalt, die uns dazu zur Verfügung steht, das eine oder andere herausgreifen. Aber nur so als Ansatz. Das Credo ist ursprünglich ein Glaubensbekenntnis der Täuflinge, die vorbereitet wurden für die Taufe. Worauf man sich einlässt, wenn man Christ wird und dann vor der Taufe wurden sie gefragt: „Was glaubst du jetzt?“. „Was ist dein Glaube?“. Die Traditio = „Übergabe des Glaubens“ hat feierlich an einem Sonntag stattgefunden. Und am nächsten Sonntag die Redition = „Das Credo des Glaubens“. So, was wir jetzt wirklich verstanden, worum es geht. Und das ist, Sie wurden getauft im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Und das ist jetzt was zurückgegeben, das Credo ist aufgebaut in diesen drei Teilen. Und was wir den unergründlichen Grund genannt haben, was der Urglaube des Menschen als den unergründlichen Grund erfährt, wird hier Vater genannt. Was wir als unbegreifliche Vielfalt alles Seins erfahren haben, wird hier der kosmische Christus genannt. Der kosmische Christus, der alles umfasst, der Logo des Wortes. Die unerschöpfliche Lebendigkeit ist der Heilige Geist, ist das Leben, der Geist des Lebens, der Dynamismus. Wir haben das Unmanifeste, das Manifeste und wir haben den Dynamismus. Und nun nur soviel verstehen vom Credo, dann können wir auch schon sehen, dass, wenn wir mit anderen Religionen bekannt werden, dass im Buddhismus der Schwerpunkt auf dieses Schweigen fällt, auf diesen unergründlichen Grund fällt. Das Schweigen spielt eine ebenso wichtige Rolle im Buddhismus wie bei uns das Wort. Ich erinnere mich sehr gut, wenn ich mit meinem Lehrer, jetzt habe ich einmal wirklich verstanden, was mein buddhistischer Lehrer erklärt hat und habe dann also das zurückgegeben und gesagt, habe ich das jetzt richtig verstanden und versuch so ganz genau wiederzugeben, worauf er gesagt hat, ganz genau. Aber wie traurig, das in Worte zu fassen. Eine Schande, dass Du das in Worte fassen musst. Im Buddhismus die Stille, die Lehre, das Nichts. Dieser Urgrund, dieser unerschöpfliche Urgrund, dieselbe Rolle, die bei uns die Fülle spielt. Und in den Amen-Traditionen, das ist den drei großen westlichen Traditionen, die das Wort Amen gemeinsam haben. Im Judentum, im Christentum und im Islam liegt alle Betonung auf dem Wort. Es gibt mich, es gibt das, es gibt das. Es gibt so vielerlei. Das wird betont. Und das Wort Amen, das wir gemeinsam haben mit den anderen Traditionen. Ist ja auch kein Zufall, denn das Wort Amen ist die menschliche Antwort auf die Amuns Gottes und die Amuna ist die Verlässlichkeit. Und wenn wir Amen sagen, heißt das einfach: Ich verlasse mich auf diese letzte Verlässlichkeit. In einem einzigen Wort, dieser ganze Urglaube zusammengefasst und in der Tradition des Wortes ausgedrückt. Und die Dynamik ist, was das Wort und das Schweigen verbindet. Und das ist das Verstehen. Wenn wir wirklich verstehen, dann machen wir es so tief auf das Wort, dass es uns hinführt, dort, wo das Schweigen aus uns kommt. Ein warmes echtes Wort ist ja nicht ein Geplapper, sondern ist das Schweigen, das zu Wort kommt und wenn wir so auf dieses Schweigen horchen, dass es uns hinführt, wo es herkommt, in das Schweigen zurück, dann verstehen wir es richtig. Und das ist ebenso zentral für den Hinduismus. Wie das Schweigen für den Buddhismus und wie das Wort für die westlichen Traditionen, für die Amen-Traditionen. Ein großer hinduistischer Lehrer, den ich Glück gehabt habe, persönlich zu kennen, hat das sehr kurz zusammengefasst. Yoga, das ist Spiritualität des Hinduismus. Yoga ist verstehen. Ist verstehen. Und er hat noch dazu gesagt, dass das Wort Yoga wurzelverwandt ist mit unserem Wort Joch, das zwei Ochsen verbindet und so verbindet Yoga das Wort Schweigen im Verstehen. Und wenn wir das erfahren, dann sehen wir plötzlich, das ist ja unsere Trinität, das ist Vater, Sohn und Heiliger Geist. Völlig anders ausgedrückt, mit völlig anderer Betonung, aber es ist da. Also es verbindet uns. Es ist nicht etwas, was uns trennt. Oft ist es so dargestellt worden, als ob die Grade unsere größten Geheimnisse, uns von allen anderen trennen. Je tiefer man geht und je größer das Geheimnis ist, umso mehr verbindet es uns mit anderen. Wir können also sagen: Es gibt uns, es gibt das, es gibt das. Und wir im Westen betonen immer dass es gibt. Es gibt uns. Und es gibt die anderen. Wenn es uns gibt, es gibt auch die anderen. Und dann kommen die Buddhisten und sagen, es gibt. Es gibt uns, es gibt die anderen, aber es ist das eine. Das alle gibt. Und dann kommen die Hindus und sagen, das wichtigste ist, dass es gibt. Versteh doch, dass es gibt. Lass dich daraus ein, es gibt das alles. Und so könnte man fast sagen, dass die einander brauchen und das volle Verständnis es gibt mich. Brauchen wir schon die ganze Tradition der Menschheit, alle verschiedenen Formen in Ausformungen dieses einen tiefen menschlichen Glaubens. Und da möchte ich mit diesem Bild schließen, dass es mit persönlich sehr wertvoll und schön, dass man sich die großen Traditionen der Welt, alle die großen religiösen Traditionen wie in einem Reigentanz vorstellen kann. Die halten sich alle bei den Händen und tanzen und tanzen herum. Und wir, solange wir außen stehen, sehen immer die, die uns am nächsten in eine Richtung gehen und die am fernsten genau in entgegengesetzter Richtung gehen. Und wo immer man außerhalb dieses Kreises steht, sieht man die einen in eine Richtung gehen und die anderen in die entgegengesetzte Richtung. Im Augenblick, wo man sich dem Kreis anschließt, die Hände fasst, mittanzt, ist es völlig offensichtlich, dass alle in eine Richtung tanzen. Wenn wir uns auf diesen Glauben einlassen, dann tanzen wir alle in eine Richtung. Und das unser Gespräch heute Abend dazu beitragen wird, auch wenn nur ein kleines bisschen. Das ist mein großer Wunsch und ich hoffe, es wird in Erfüllung gehen. Danke.
Diskussion
Gesprächsleiter: Herzlichen Dank für Ihren Vortrag, der schon einen weiten Bogen geschlagen hat, dass es nicht einfach ist, ins Gespräch zu kommen.
Frage:
Ich würde gerne noch einmal auf einen Punkt zurückkommen mit der Dankbarkeit, wenn wir uns das vorstellen, ein Glaube, der alle verbindet und wir uns in diesem Kreis sehen. Ein Kriterium dafür, dass wir alle auch diese Dankbarkeit spüren können fallen mir auf Anhieb im Rückblick wieder ein, wo ich doch ernsthaft zweifle, wo ich dankbar sein kann. Sozusagen die Opfer der Geschichte oder die Hungernden, wer auch immer. Sie haben vorhin angedeutet, wie Sie reagieren würden. Vielleicht können Sie noch etwas dazu sagen.
Steindl-Rast:
Danke, ich bin natürlich sehr froh Gelegenheit zu haben, das etwas weiter auszuführen. Ich habe schon gesagt, man kann nicht für alles dankbar sein, aber man kann in allen Gelegenheiten, bei allen Gelegenheiten dankbar sein. Es ist sogar in der christlichen Tradition sehr verankert. Nicht nur in der christlichen Tradition natürlich. Einer der großen Vorzüge von Dankbarkeit und dankbarem Leben ist, dass jede Religion sagt ja Dankbarkeit, das ist ja zentral für uns. Also da ist schon einmal etwas Verbindendes. Jede Tradition sagt Ja. Und auch viele Menschen, die sich keiner religiösen oder spirituellen Tradition anschließen wollen sagen: „Meine Religion ist Dankbarkeit“. Das verbindet uns auch mit den Menschen, die sonst gar nichts weiter mit uns zu tun haben wollen. In der christlichen Tradition gibt es einen Satz, in einem der Paulusbriefe, wo er sagt: „Betet allezeit und seid dankbar unter allen Umständen.“ In allen Dingen. Unter allen Umständen seid dankbar. Wie ist das möglich? Es ist dadurch möglich, dass wir uns bewusst werden, wofür wir eigentlich dankbar sind. Wir meinen, wir seien dankbar für gutes Wetter, wir seien dankbar für ein schönes Heim, wir seien dankbar für eine fruchtbare Beziehung mit anderen Menschen. Eigentlich sind wir dankbar dafür, für die Gelegenheit, uns an dem guten Wetter zu freuen. Für die Gelegenheit, mit anderen Menschen Beziehungen zu pflegen. Für die Gelegenheit, in diesem schönen Heim zu wohnen. Denn wenn das Heim da wäre und das Wetter und die anderen Menschen und uns die Gelegenheit genommen wäre, uns daran zu freuen, würden wir dann freuen. Gelegenheit ist das entscheidende Wort. Wenn wir die Dankbarkeit pflegen, dann lernen wir die vielen Gelegenheiten wahrzunehmen, die uns Freude schenken können, wenn wir dankbar sind und die uns so oft im Leben entgehen, weil wir sie einfach so als gegeben hinnehmen. Wir nehmen die Gelegenheit nicht wahr. Eine der großen Vorzüge dankbaren Lebens ist, dass wir so viel mehr Gelegenheit wahrnehmen uns zu freuen. Dann kommt aber jetzt die Situation, wo uns etwas gegeben, wofür man nicht dankbar sein kann. Man kann nicht dankbar sein für Krieg. Man kann nicht dankbar sein für ungerechte Verteilung des Wohlstandes. Man kann nicht dankbar sein für Ausbeutung. Man kann persönlich nicht dankbar sein für Verlust eines lieben Menschen, für Untreue, alles, viele viele Dinge, für die man nicht dankbar sein kann. Aber wenn wir konfrontiert sind mit Ausbeutung, Ungerechtigkeit und in der Übung sind, uns immer an der Gelegenheit uns zu freuen, zu erinnern, dann werden wir ganz instinktiv fragen und wozu ist das jetzt, die Gelegenheit. Und nicht daran zu freuen. Aber es ist vielleicht Gelegenheit, etwas zu tun, wenn wir nicht wissen, was wir tun können. Es gibt so viele Missverständnisse heutzutage, vor denen wir ganz ratlos stehen. Wir können nicht dankbar sein dafür. Aber wir wissen auch nicht, was können wir da tun. Etwas, was sie meistens tun können, ist jemanden anderen zu fragen, kann man daran nicht etwas tun. Wenn genug Menschen einander fragen, kann man da nicht etwas tun. Da muss doch etwas getan werden. Es ist schon einer großer Fortschritt. Oder wir sollen besonders auch bei persönlichen Verlusten den unschönen Dingen, die uns zustoßen, für die man nicht dankbar sein kann, sind oft die Gelegenheit, etwas zu lernen. Wenn es auch nur die Gelegenheit ist, Geduld zu lernen. Geduld zu lernen. Aber wenn wir uns fragen, wozu ist jetzt die Gelegenheit und dann ernst nehmen, dann werden wir uns dankbar erweisen für die Gelegenheit dadurch, dass wir sie beim Schopfe ergreifen. Das ist eine ungeheuer kreative Art, mit dem Leben umzugehen. Auch mit Missverständnissen umgehen. Viel besser, als nur zu sagen, das ist ja schön. Dafür kann doch kein Mensch dankbar sein. Stimmt, man kann nicht dankbar sein. Aber da gibt es noch mehr. Was es gibt, gibt mir jetzt die Gelegenheit zu tun. Also in diesem Sinne würde ich sagen, man kann nicht für alles Dankbarkeit zeigen, aber man kann in jeder Situation dankbar sein für die Gelegenheit, die sie einem bietet.
Frage:
Ich würde Sie gerne fragen, was ist Gnade.
Steindl-Rast:
Danke. Am leichtesten fällt es mir, Gnade, die Frage nach Gnade mit einem Bild zu beantworten, das mir ein Rabbi mitgeteilt hat. Das ist das Bild des Flusses Jordan, der vom Libanon fließt wie ein Wildbach und dann in den See Genezarath fließt. Der See Genezerath ist wie ein Paradies, voll mit Fischen und wunderschönes reines Wasser umgeben. Von Obstgarten und Feldern und einer reichen Natur. Dann fließt der Fluss Jordan aus dem See Genezareth heraus und plötzlich endet er im Toten Meer. Das Tote Meer ist von einer Wüste umgeben. Hat keine Fische. Es ist fruchtloses Wasser und untrinkbares Wasser. Der Fluss Jordan ist das Sinnbild der Gnade des Segens. Warum ist er auf der einen Seite so fruchtbar und auf der anderen Seite so tot und unfruchtbar. Im Toten Meer fließt sie nur ein und das ist das Ende. Das ist für uns so wichtig, Gnade. Im englischen ist es noch leichter zu sagen, weil das Wort für Segen Blessing heißt. Blessing, wie man noch an dem ‚Bl‘ sieht, ist mit Blut verbunden. Die Gnade ist sozusagen der Blutstrom, der das ganze Universum durchströmt. Wenn der Blutstrom fließt, bleibt alles lebendig. Wenn einer aufgehalten wird, tritt der Tod ein. Das ist für uns wo wichtig. Wir empfangen jeden Augenblick Gnade und Blessing, wenn wir nur aufmerksam dafür sind. Jeden Augenblick wird uns so viel geschenkt. Die Lebensfreude, Energie. Wenn wir sie weitergeben, wird sie lebendig. Hilfreich für die ganze Welt. Wenn wir sie nicht weitergeben, liebt es an uns, dass ein Teil der Welt sozusagen abstirbt. Also, diese Einstellung zur Gnade, dieses Verständnis von Gnade, als dem Blutstrom, das ganze Universum durchströmt. Für den wir selber von uns verantwortlich sind, in dem wir sie empfangen und weitergeben. Weiter schenken. Alles Empfangene weiterschenken. Dazu gehört das Stillsein, die Stille trägt sehr viel dazu bei. Wir brauchen Stille, wir brauchen Raum, um wirklich empfänglich zu werden für Gnade, für alle diese großen Geschenke. Wir sind zu eilig, wir haben nicht Zeit, sie anzuschauen. Rilke hat ein wunderschönes Gedicht geschrieben. Ich hoffe, ich werde nicht zu viele Worte vergessen, aber im Stundenbuch schreibt er:
„Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn alles Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
nicht so sehr verhinderte am Wachen - :
Dann könnte mich in einem tausendfachen
Gedanken bis an den Rand dich denken,“
sagt er zu Gott.
„…dich besitzen (nur ein Lächeln lang)
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.“
Da ist beides drin, da ist Stille, da ist Empfangen und das Weiterschenken. Nur ein Lächeln besitzen und dann weiter verschenken wie einen Dank. Da kommt die Dankbarkeit rein und die Stille ist das erste Wort und die Dankbarkeit ist das letzte Wort. Das gehört auch dazu zu diesem Kreislauf des kosmischen Blutes, der die Gnade ist.
Frage:
Sie meinten vorhin, dass das Wort Gott eher ein dichterisches Wort ist. Als dichterisches Wort verstanden werden sollte oder kann. Wenn Sie ein bisschen mehr dazu sagen, was das Wort Gott eigentlich bedeutet oder worauf es hinweist?
Steindl-Rast:
Dorothee Sölle, die große protestantische Theologin, hat öfters das Wort Gott ersetzt, weil es so missverständlich wird durch M e h r. So wie mehr und immer mehr. Wo immer wir das Mehr und immer mehr erleben, und zwar unendlich immer mehr und nicht nur mehr von demselben, sondern mehr und immer neuen Dimensionen. Dort kommen wir mit dem in Beziehung, was wir Gott oder das Göttliche nennen. Das tritt eben in diesen drei Bereichen ein oder wird uns bewusst in diesen drei Erlebnissen, Grunderlebnissen, von denen ich gesprochen habe. Die Begegnung mit dem unergründlichen Urgrund, vor allem mit dem Unmanifesten wie die Hindus das nennen. Mit der Füllen allen Seins, unbegreiflichen Fülle allen Seins, das manifeste Universum und mit der Dynamik des Lebens, des unerschöpflichen Lebens, der Lebendigkeit, die das ganze durchfließt. Diesen drei Bereichen, die im Christentum, wie gesagt, in der Trinitätslehre sich ausdrücken, da tritt dieses Gottesbeziehung ein. Wird uns ermöglicht. Wenn wir uns bewusst bleiben, dass es sich um eine Beziehung handelt, um eine dynamische Auseinandersetzung mit diesen Bereichen. Nicht um jemanden, dann wird uns unsere Beziehung zu dem Göttlichen und zu Gott viel leichter. Thomas Merton, ein Zisterzienser Mönch, Autor und Mystiker des 20. Jahrhunderts, den viele von Ihnen sicher durch Bücher kennen, hat es in einem sehr prägnanten Satz ausdrückt. Ich muss es zuerst in Englisch sagen: „God is…“ – „Gott ist nicht der andere da draußen. Wir sind völlig eingebettet in Gott.“ Die Frage besteht daran, wenn wir wirklich völlig eingebettet sind in Gott, können wir dann noch ein Beziehung haben zu Gott. Da kommt die christliche, die Trinitätslehre eben zu Hilfe. Wir sind völlig eingebettet, wir können heraus aus diesem Urgrund, den wir Vater nennen. Heute würden wir Mutter sagen. Wir sind verbunden mit dem kosmischen Christus. Er lebt in uns. Der Beobachter, wie ich es genannt habe. Unsere echte Identität, unser Selbst ist der Christus selbst. Wir nennen es Christus selbst als Christen. Die Buddhisten sprechen genau von demselben und nennen es Buddha-Natur. Jede Tradition hat ihre eigene Ausdrucksweise dafür. … Aber wir kennen diese Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit, die wir der kosmische Christus nennen, steht in Beziehung zu diesem Urgrund. In der christlichen Tradition heißt es, er hat alles empfangen von dem Vater. Alles, was er hat, hat er von dem Vater empfangen und gibt es in der Liebe, im Heiligen Geist zurück an den Vater, aus dem er kommt und dieser Tanz, auch die Dankbarkeit sehr schön ausdrückt, der Geber aller Gaben, die Quelle aller Gaben, die Quelle, die noch nicht etwas ist, denn wenn die Quelle schon etwas ist, dann ist es ein Fluss oder ein Bach oder ein Bächlein. Aber die Quelle ist als Quelle das nichts, aus dem alles kommt. Die Quelle, die wir Vater nennen, die Fülle , die wir Logos nennen oder Wort oder so, zu den wir selber angehören und die Dankbarkeit, durch die die Gaben zurückfließen an die Quelle. Zurückfließen an den Ausgangspunkt. In diesen Kreislauf sind wir eingebaut. Völlig eingebaut. Das ist die panentische Anschauung heute. Ich glaube, man darf mit Recht sagen, dass die meisten christlichen Theologen auch eigentlich den Pantheismus als Grundlage nehmen. Der alles beinhaltet, was der Pantheismus hat, aber Raum lässt für diese Beziehung. Dem Pantheismus ist einfach alles Gott. Pantheismus, dieses kleine Wörtchen, heißt, dass alles in Gott ist und Gott in allem. Und lässt der Herr Raum für diese Beziehung und für Dankbarkeit z.B. und im Religiösen kommt es auf Beziehung an, auf unsere Beziehung zu Gott. Leider ist es im Christentum, ich komme immer wieder auf das Christentum zurück, weil es uns die bekannteste Form ist für uns. Es ist im Christentum oft dargestellt worden, als ob alles darauf ankäme, das richtige zu glauben und das richtige zu tun. Das war schon vor Christus, was Jesus Christus vorgefunden hat. Eine Welt, in der alles darauf abgestimmt war, das richtige zu tun und das richtige zu glauben. Er hat das durchbrochen, er war ein Revolutionär, ein gewaltloser Revolutionär, der, das sagt uns die religiöse Institution. In unserem Falle die Kirche und in seinem Fall die Synagoge, dass man das richtige glauben und das sagt uns die Gesellschaft, die Gesellschaft uns ständig, was man glauben muss und was man tun muss. Er hat beides durchbrochen und hat gesagt, es kommt darauf an, die rechte Beziehung zu diesem Urgrund zu haben. Die rechte Beziehung zu haben und das Rechte zu tun. Schon hat es geheißen, er setzt sich mit anderen an den Tisch. Das Rechte tun hat der Gesellschaftsordnung und nach der religiösen Ordnung war, dass man mit den guten sich verbündet und mit den Schlechten, und in jeder Tradition gibt es die Schlechten, mit denen man nichts zu tun haben darf. Mit denen darf man nicht essen. Hat er durchbrochen und jetzt noch, wenn wir die Eucharistie feiern, das Abendmahl feiern, feiern wir, was er begonnen hat, dass man sich mit allen an den Tisch setzt. So sollte man meinen. Wir haben sehr schnell wieder aufgebaut, was er niedergerissen hat. So muss man in jeder Tradition zurückgehen auf den Ursprung, immer wieder auf den Ursprung. Zu schauen, was würde Jesus dazu sagen. Das ist eine sehr gute Frage. Von Gott, hat er jedenfalls gesagt, es kommt darauf an, eine lebendige Beziehung mit ihm zu haben. Darum geht der Pharisäer nicht gerechtfertigt nach Hause, und Pharisäer war kein Schlechter. Wenn wir sagen Pharisäer, dann war schon so ein schlechter Hauch da drüber. Aber die Pharisäer waren die ganz Angesehenen, die haben sich auch wirklich ernstlich und aufrichtig bemüht, gute religiöse Menschen zu sein. Aber der geht nach Hause ungerechtfertigt und der Zöllner, das war ein Mitarbeiter in der römischen Besatzungsmacht, der sein eigenes Volk ausgebeutet hat. Geht in den Tempel, sagt: Hat die persönliche Beziehung
zu Gott, sei mir Sünder gnädig und geht gerechtfertigt nach Hause. Und der andere, der alles Richtige tut, aber keine persönliche Beziehung hat, geht nicht gerechtfertigt nach Hause. Also immer wieder darauf zurückkommen, was Jesus eigentlich. Das ist in jeder Tradition notwendig. Immer wieder auf dem gegenwärtigen Stand, auf den Ursprung zurückkommen, denn im Laufe verändert sich ein Fluss. Er ist nicht mehr so rein wie die Quelle. Wir müssen immer wieder zur Quelle zurückgehen.
Frage
Wo stehen wir jetzt. Da gab es eine babylonische Frau, und die hat andere Götter verehrt. Das Alte Testament, gilt das noch? Eifersüchtiger Gott. Er war dagegen, dass diese Frau einen anderen Gott hat. Wie kann man damit umgehen?
Steindl-Rast:
Zum ersten ganz kurz. Jesus hat gesagt, wir sollen nichts ändern, sondern es erfüllen. Das heißt in diesem Zusammenhang, den wir schon besprochen haben, es mit einer wirklichen Beziehung zu Gott erfüllen. Was die Pharisäer getan haben, war nicht schlecht, das war sogar gut. Aber wenn es mit der persönlichen Beziehung zu Gott erfüllt wird, dann entsteht darauf diese Verbindung zu allem und wenn es nicht damit erfüllt wird, dann entsteht dadurch eine Barriere zu ändern. Die aus gewissen Gründen verschieden gar nicht erfüllen können oder z.B. Körperbehinderte, die waren als von Gott gezeichnet anzusehen. Das bringt uns jetzt schon zur Erweiterung Ihrer Frage und da muss man sich fragen, was verstehen wir denn eigentlich unter der Bibel. Die Bibel sagt das, das Alte Testament sagt das. Wenn wir unter der Bibel eine Art Handbuch verstehen, das von Gott geschrieben wurde oder von Gott diktiert wurde, dann weiß ich nicht, was damit anzufangen ist. Wenn wir aber die Bibel verstehen als ein Niederschlag, ein literarischer Niederschlag, Beziehungen, die Menschen Jahrtausende lang zu Gott gehabt haben. Aus ihren Situationen heraus sehr verbinden. Das ändert sich im Laufe der Geschichte immer wieder. Jedes Buch hat eine andere Beziehung zu Gott. Wenn wir es so verstehen, dann kann es uns sehr hilfreich sein, und dann dürfen wir auch ohne Weiteres sagen, so verstehen wir es nicht mehr. Wenn wir fertig sind mit der Beziehung, die menschliche Familie zu Gott hat, dann muss sie sich zum Besseren verändert haben. Das ist unsere Aufgabe. In der Bibel sehen wir, wie Menschen zu verschiedenen Zeitpunkten sich sehr bemüht haben um diese Beziehung zu Gott. Sie auch dargestellt haben. Manchmal erfolgreich waren und in manchem nicht erfolgreich waren, was wir jetzt sehen können, aber sie damals nicht gesehen haben. So kann ich die Bibel lesen und sehr dankbar lesen und auch in einem gewissen Sinne als Wort Gottes lesen, aber nicht in, das ist eine dichterische Ausdrucksweise, und die Bibel sagt noch von sich selber, an irgendeiner Stelle, dass sie unfehlbar sei. Das haben wir erfunden. Das brauchen manche Menschen.
Frage
Meine Frage schließt, glaube ich, an dieses Thema an. Es geht also um den eingeborenen Sohn Gott, also Christus. Geboren von der Jungfrau Maria. Wenn Sie darüber etwas sagen können.
Steindl-Rast:
Aus der Jungfrau Maria. Sehr viel hängt davon ab, und das habe ich auch versucht in einem Buch darzustellen, in welchem Zusammenhang innerhalb des Credos man diese Stellen liest und der erste Teil des Credos hat eine trinitarische Form. Das ganze Credo hat wieder trinitarische Form. Das Credo beginnt mit dem Wort „Ich glaube an Gott, an Gott den Vater, den Allmächtigen, an Jesus Christus, seinen Eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen vom Heiligen Geist. wird jetzt der Heilige Geist eingeführt und da herein gehört jetzt dieser Teil, dieser Satz, über den Sie fragen, empfangen vom Heiligen Geist. In jeden dieser ersten drei Teile wird der Vater genannt, der Sohn genannt. Und jetzt der Heilige Geist. Und nach jedem kommen zwei Dinge, der Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde, Jesus Christus, seinen Eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen vom Heiligen Geist, geboren aus Maria der Jungfrau, gelitten unter Pontius Pilatus. Das gehört zusammen. Wenn man es so zusammen liest, dann ergibt es plötzlich einen ganz anderen Sinn. Es will etwas über den Heiligen Geist aussagen. Über die Beziehung auch Jesus zum Heiligen Geist. Und sagt zunächst: Geboren aus der Jungfrau Maria, dichterisch verstanden, die jungfräuliche Seele. Das Credo will uns nicht etwas über physiologische Jungfräulichkeit sagen. Ich verwende dieses dichterische Bild um zu sagen, wie Jesus zum Heiligen Geist gestanden hat. Jungfräulich empfangen und unter Pontius Pilatus gelitten. Diese beiden Dinge gehören immer zusammen. Es ist die Mystik und es ist das soziale Engagement, das uns zur Kreuzigung führt. Die Jungfrau Maria, von der im Credo die Rede ist, ist jeder von uns, ist die jungfräuliche Seele, die vom Heiligen Geist Christus empfängt. Der Christus, der in uns lebt. Von dem Paulus sagt, ich lebe nicht in, Christus lebt in mir. Nur die jungfräuliche Seele kann das Wort, kann den Heiligen Geist überhaupt empfangen. Aber im Augenblick, wo wir vom Heiligen Geist empfangen, stehen wir schon in Gefahr, von Pontius Pilatus gekreuzigt zu werden. Es gibt nicht nur die Jungfrau Maria, lebt fort in jedem von uns, sondern auch Pontius Pilatus. Lebt sehr kräftig und tatkräftig fort heute. Sie brauchen das nicht auf eine große politische Leinwand projizieren, sondern nur aus dem Heiligen Geist. Auf dieser anderen Gläubigkeit heraus. Beim nächsten Business-Meeting, Schultreffen, Familientreffen, daraus sprechen. Sie werden den Pontius Pilatus sehr deutlich sehen und Sie werden in Ihrer eigenen Art ein bisschen gekreuzigt werden. Darum geht es hier im Credo. Es geht nicht um irgend etwas, was sich vor langer Zeit abgespielt hat.
Frage
Also, ich bemühe mich immer so, das Christentum als eine Religion der Befreiung zu verstehen. Unter Befreiung meine ich damit Weite und Verständnis und Klage. Womit ich immer noch Mühe habe, einfach wirklich richtig Mühe, ist der Begriff der Sünde. Damit will ich nicht sagen, dass ich glaube, dass die Menschen nur gut sind und dass nur Gutes auf der Erde entsteht, aber ich empfinde den Begriff der Sünde als eine Umklammerung, die die Befreiung für mich sehr klein macht. Wo ich mich schäme und wo ich das Gefühl habe, aber das entspricht nicht unserem heutigen Bewusstsein. Könnten Sie vielleicht dazu etwas sagen. Bitte.
Steindl-Rast:
Auch hier, in Bezug auf den Begriff der Sünde, müssen wir wieder zur Quelle zurückgehen und das ist in unserem Falle das Wort Jesus. Jesus verehrt uns. Das, was immer wir falsch tun, Sie haben ja gesagt, dass nicht etwas falsch tun oder dass alle unsere Sünden vergeben wurden, bevor wir sie je begangen haben. Gott ist Liebe, Gott hat uns alles verziehen, bevor wir sie je begangen haben. Und um Gott Abba gemacht zu werden, müssen wir uns eine Mutter vorstellen, die dem Kind vergeben hat, bevor es schon irgendetwas angestellt hat. Das beschönigt es nicht, das ist nicht aus der Welt, aber es sagt, es gibt uns dann Raum, uns zu bessern. Es gibt uns Raum in etwas Größeres hineinzuwachsen. Warum ist dieser Sündenbegriff so betont worden? Da kommt wieder die Institution ins Spiel. Wir können euch diese Vergebung vermitteln. Ihr braucht uns. Die Institution ist wunderbar, sie ist gut, sie ist wichtig, aber ihre Aufgabe ist es, den Menschen zu einer persönlichen Beziehung mit dem Göttlichen zu führen. Und sie dann lassen, stattdessen, wenn sie immer wieder zurückgehalten wird, jetzt zu einer Barriere zwischen der Beziehung des Menschen. Wir müssen euch das vermitteln. Das ist nicht nur in unserer christlichen Tradition, Sie kennen es von unserer christlichen Tradition, das ist genauso im Islam, das ist genauso in vielen anderen Traditionen immer eine Gefahr, weil jede Institution, und nicht nur die religiöse Institution, um nur zwei zu nennen. Jede Institution ist für eine bestimmte Aufgabe gegründet und in kürzester Zeit sieht sie ihre Aufgabe darin, sich selbst zu verewigen und hat ganz vergessen, wofür sie überhaupt gegründet war. Ich weiß Ihren Applaus zu schätzen, weil ich weiß, dass wir uns verstehen. Aber man muss dazu sagen, dass wir auch eine Aufgabe haben, die Institution immer wieder zu hinterfragen. Das ist nicht nur unser Recht, es ist unsere Pflicht. So können wir sie immer wieder zu ihrer Aufgabe zurückführen. Ich nenne das immer das Syndrom der rostigen Rohre. Auch wenn wir unsere Rohre anschauen würden, die uns von der Wasserleitung unter dem Boden, wenn wir die sehen könnten, würden wir gar kein Wasser mehr trinken wollen. Das ist so unappetitlich. Aber doch geben sie uns Trinkwasser. Ebenso ist es mit den religiösen Institutionen. Wir sollen uns also dankbar erweisen für das Wasser. Uns dafür dankbar erweisen, dass wir versuchen, die Rohre weniger rostig zu machen, zu verbessern.
Frage
Hat es in der Bibel Mantren gegeben hat, die sogar später heraus gekürzt wurden?
Steindl-Rast:
Es gibt immer noch diese Mantren in der Bibel. Sogar manche Zen-Lehrer verwenden sie. Zum Beispiel kenne ich einen Zen-Lehrer, der gerne verwendet das Wort „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“. Praktisch ein Zen-Chor. Ich weiß nicht, es in Europa nicht sehr verbreitet, aber das Center-praying ist hier bekannt. In den Vereinigten Staaten ist das Center-praying ein Gebet, durch das man zum Zentrum findet. Das ist ganz auf Mantren aufgebaut. Wird weitgehend auch von Christen, hauptsächlich von Christen gepflegt und da gibt es viele, viele Mantren. Eine der frühesten christlichen Mantren war Jesus Christus, ist Herr, Jesus Christus ist Herr. Das ist eine sehr beliebte Mantra und das war auch eine Zusammenfassung von dem, was ich vor einigen Minuten gesagt habe. Es gab nur einen Herrn in Judäa zur Zeit Jesus, und das war der Kaiser, der römische Kaiser. Nur einer war Herr im römischen Kaiserreich. Kyrie auf Griechisch. Wenn jemand gesagt hat, Jesus Christus ist Kyrie, dann war das Hochverrat. Das war eine dieser ganz frühen Mantren, und darum haben sie das gesagt. Das müssten wir uns auch zu eigen machen. Nur müssen wir es irgendwie anders ausdrücken. Jesus Christus ist Superboss. Und wenn unser Boss irgendetwas sagt, dann ist es vielleicht fein, aber wenn es dem Superboss widerspricht, dann ist nur einer Superboss.
Frage
Also, wie mir Mantra erklärt wurde, was eben nicht den Verstand anspricht, sondern was dem Verstand keinen Sinn gibt und das, was Sie gesagt haben, das versteht ja der Verstand. Ob ein Mantra einen Sinn geben muss oder ob es nur einfach Worte sind.
Steindl-Rast:
Im Hinduismus, soweit ich das weiß, gibt es oft Mantren, die Menschen, die sie verwenden, nicht in anderen Worten ausdrücken können. Die einfach so wie eine Melodie sind, eine Abfolge von Lauten, das gibt es schon auch. Im Christentum ist mir das nicht bekannt. Es ist mir nicht bekannt. Vielleicht hat es gegeben, aber ich weiß es nicht. Das Entscheidende ist auch da, dass man die Mantren auch, ob sie jetzt verständlich ist und übersetzbar oder nur eine Melodie oder eine Abfolge von Lauten. Das wird nur verwendet, um darüber hinaus zu gehen. Um diese Beziehung zu finden. Das hat ein Hindulehrer, den ich gut gekannt habe und sehr verehrt habe, schon gesagt, hat das so ausgedrückt. Er hat eine Geschichte erzählt. Da war ein Fuchs und er hat sehr unter Läusen gelitten. Und hat bemerkt, dass, wenn er trinken geht, er war voller Läuse, und wenn er trinken ging, da wollten die Läuse nicht unter Wasser sein. Als er seine Füße vorne ins Wasser gestellt hat, da sind die Läuse höher heraufgeklettert. Da hat er sich gedacht, da gehe ich noch weiter ins Wasser und ist untergetaucht. Da sind alle Läuse auf seinen Kopf gegangen. Da ist er noch tiefer, und da sind alle Läuse auf seine Schnauze gegangen. Da hat er einen kleinen Zweig im Mund gehabt, das war die Mantra. Da hat er die Läuse alle auf den Mantra klettern lassen. Es war alles eine Ablenkung. Da hat er die Mantra wegschwimmen lassen. Also auch noch die Mantra loszulassen und nur die reine wertlose Beziehung zu dem mehr und immer mehr zu haben. Das ist eigentlich das Ziel der Mantra.
Frage
Wenn ich es richtig verstehe, ist Christus, der kosmische Christus, der sich dann im historischen Christus etabliert hat, ein Teil des Glaubensbekenntnisses. ….. Wie wird der historische Christus zur inneren Erfahrung?
Steindl-Rast:
Im Glaubensbekenntnis drücken wir unseren Glauben aus an Jesus Christus, und das ist sehr wichtig, diese beiden zusammenzuhalten. Jesus ist ein bestimmter Mensch zu einer bestimmten Zeit und Christus ist unsere zeitlose menschliche Verbundenheit. Für uns als menschlich erlebt, auch von anderen Menschen wahrscheinlich erlebt, jeder auf ihre Art. Pflanzen auf ihre Art, unsere gottmenschliche Wirklichkeit. Das ist der Christus. Das wird auch in anderen Traditionen unter anderem Namen davon gesprochen, von dieser gottmenschlichen Wirklichkeit des Menschen. Jeder Mensch nimmt an dieser gottmenschlichen Wirklichkeit teil. Die christliche Tradition wurde dadurch in Bewegung gesetzt, dass seine Jünger in Jesus diese gottmenschliche Wirklichkeit ganz besonders leuchtend, strahlend und vollendet gefunden haben. Aber Jesus hat eben diese Christuswirklichkeit ungeheuer lebendig verwirklicht, aber keineswegs erschöpft. Da sagt auch das Neue Testament, der Paulus sagt z.B., wir müssen in unserem Leid das Leiden des Christus voll machen und beitragen. Der kosmische Christus leidet auch und wir durch unser Leiden tragen dazu bei. Das ist nur ein Beispiel. Buddha hat diese Christuswirklichkeit auch strahlend dargestellt. Auch nicht erschöpft. Jeder von uns muss sich so klar und strahlend wie möglich darstellen. Aber keiner kann sie erschöpfen. Sie ist unerschöpflich. Das ist diese Beziehung. Darum sagen wir Jesus Christus. Wenn wir nur Jesus sagen, dann ist es eigentlich irrelevant, denn das war ein guter Mensch, ein Lehrer, vielleicht ein bewundernswerter Mensch. Aber was hat das mit mir zu tun, mit meiner Christuswirklichkeit. Wenn ich nur Christus sage und keinen historischen Bezugspunkt habe, dann kann ich fast irgendetwas drunter vorstellen und ausdenken. Aber wenn ich diesen Bezugspunkt habe, so hat er gelebt, so hat er die Christuswirklichkeit verwirklicht. Dann habe ich einen christlichen Bezugspunkt. Ich kann auch einen buddhistischen haben. Das ist dann was anderes. Aber ich habe einen größeren Bezugspunkt, an dem ich messen kann, ob ich das richtig verstanden habe. Ob ich meine eigene Christuswirklichkeit auch richtig verstehe. Es ist ein Beispiel, ein Bezugspunkt. Wir müssen eben beide zusammenhalten, Jesus und Christus.
Frage
Ich möchte noch einmal zurückkommen auf die Dankbarkeit. Sie sagen, Dankbarkeit, und da gibt es Dinge, für die man nicht dankbar sein kann. (Ich muss gestehen ….. in jedem Falle verstehe. Wenn ich was tue, dann wird auch nicht …., dass ich das, wenn ich das wirklich verstehe, über meinen Verstand hinausgeht. Dann brauche ich ja auch nicht dankbar zu sein.
Steindl-Rast:
Ich gebe Ihnen vollständig recht. Wenn ich gesagt habe, es gibt vieles, wofür wir nicht dankbar sein können, dann habe ich eigentlich gemeint, wofür wir nicht die Dankbarkeit fühlen können. Das ist hauptsächlich. Aber wenn es um solche Dinge geht wie Krieg oder so, dann können wir schon sagen, im Inneren, aufs Göttliche, auf das wir zugehen, alle verbindet, um etwas geht, was Menschen entzweit, trennt usw. Dann können wir sagen, das ist nicht vom Göttlichen gegeben und dafür brauchen wir dann auch nicht in dem Sinne dankbar sein, dass wir nicht verstehen. Aber es gibt Vieles, so wie Krankheit und so, was uns persönlich zustößt, wofür das sehr zutrifft, was Sie gesagt haben. Ich glaube, das ist eine wichtige Ergänzung. Es zeigt, dass Sie mitgedacht haben und ich vertraue, dass viele andere mitgedacht haben und dafür bin ich Ihnen ganz besonders dankbar.
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