Einführung in die Ausstellung "Entartete Kunst in Soest" am 21.4.2002 im Wilhelm-Morgner-Haus von Reimer Möller
Anmerkung (Christoph Fleischer, Werl 2010): Dieser Vortrag ist auf der Seite der Partei „Die Grünen“ in Soest öffentlich zugänglich. Er findet sich aber auch im Heft 2003 der „Soester Zeitschrift“, und zwar mit vielen Abbildungen der Bilder der betreffenden Ausstellung. (Soester Zeitschrift 115, 2003, S. 114-169). Dieses Heft ist damit indirekt der Katalog der Ausstellung. Im Heft der Soester Zeitschrift 118/119 aus dem Jahr 2006 findet sich ein ergänzender Aufsatz von Gerhard Köhn „Die Kunstsammlung der Stadt Soest und ihre ‚Ausrichtung nach den Prinzipien nationalsozialistischer Kulturpolitik‘ nach 1936/1937 (S. 162-176), sowie einem als Korrektur des Vortrags von Reimer Möller verstandenen Aufsatz mit einer ergänzenden Sammlung von Abbildungen, sowie einigen Tabellen (Hans-Jürgen Hoeck: Korrekturen und Ergänzungen zu dem Beitrag von Reimer Möller ‚entartete Kunst‘ in Soest‘ in der Soester Zeitschrift 115 (2003), S. 177-191. Ich erlaube mir hier, eine Korrektur hier in einer Klammer jeweils zu vermerken, die anderen Korrekturen betreffen die Bildunterschriften der in der Soester Zeitschrift 113 gezeigten Abbildungen und sind daher hier nicht von Belang, da hier die einzelnen Bilder nicht aufgeführt werden. Die Bilder Morgners sind unter der folgenden Adresse im Internet zugänglich: http://www.zeno.org/Kunstwerke/A/Morgner,+Wilhelm. Diese Seite enthält eine ausführliche Morgner Biografie: http://www.wilhelm-morgner-preis.de/morgner_biog.html.
Informationen zur Person des Autors: Reimer Möller, Jahrgang 1956, Promovierter Historiker, 1990 Leiter des Burghofmuseums in Soest, später Leiter der Abteilung "Kultur und Museen" der Stadtverwaltung Soest, 2002 stellvertretender (kaufmännischer) Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, 2005 Leiter des Archivs und der Forschungsabteilung der Gedenkstätte.
Sehr geehrte Damen und Herren,
vorweg möchte ich Sie um Verständnis bitten, dass sich dieser Saal noch ramponierter zeigt als sonst. Das heutige Thema hat es erforderlich gemacht, acht großformatige Gemälde hier abzuhängen und in den Umgang zu verlegen. Heute zeigen wir Ihnen die dritte Ausstellung einer Auswahl aus dem städtischen Kunstbesitz, nachdem der Ausstellungsbetrieb in diesem Hause nach der kulturpolitischen Zäsur des Jahres 1996 wieder aufgenommen worden ist. Wie im März 2001 an dieser Stelle angekündigt, soll es dieses Mal um das Schicksal der Sammlung in der Zeit des Nationalsozialismus gehen.
Dazu ist die Quellenlage erstaunlich gut. Schon vor längerer Zeit habe ich im Stadtarchiv die Aktenüberlieferung des Kulturamts zur Kunstsammlung durchgesehen und Vorgänge gefunden, die die Durchsetzung der nationalsozialistischen Kunstdoktrin in Soest und in Westfalen dokumentieren.
Die heute zu eröffnende Ausstellung habe ich in zwei Teile gegliedert: Im Umgang finden Sie Bilder, die die Reichskammer der bildenden Künste 1937 als "entartet" beschlagnahmt hat. Im Kabinett habe ich die noch vorhandenen Rudimente der 1937 neu auf den offiziellen nationalsozialistischen Kunstgeschmack ausgerichteten Dauerausstellung der städtischen Kunstsammlung im Rathaus zusammengestellt.
Ausgangspunkt der kunstpolitischen Ereignisse des Jahres 1937 war eine Entwicklung auf Reichsebene:
In diesem Jahr hatte der in Göttingen geborene und in Hamburg lebende nationalsozialistische Kunstmaler Wolfgang Willrich sein Buch "Die Säuberung des Kunsttempels" herausgebracht. Die Älteren von Ihnen werden seine künstlerischen Hervorbringungen aus dem Zweiten Weltkrieg kennen, graphisch gestaltete Postkarten, die Wehrmachtskämpfer mit harten Physiognomien zeigen.
Willrich hat in seinem Buch in diffamierender Absicht Mitglieder avantgardistischer Künstlerarbeitsgemeinschaften seit der Jahrhundertwende zusammengestellt. Sein Machwerk ist das für nationalsozialistische Kulturfunktionäre maßgebliche "Kulturbolschewisten"-Kompendium geworden.
Die für Soest relevanten Namen, die von Willrichs ideologischer Attacke betroffen waren, sind:
1. Arnold Topp wegen Zugehörigkeit zu Herwarth Waldens Kreis der "Sturm",
2. Johannes Molzahn , Sturm und Novembergruppe,
3. Christian Rohlfs und
4. Emil Nolde wg. Mitgliedschaft im "Arbeitsrat für Kunst" sowie
5. Wilhelm Wulff wegen einer Skulptur "Der Soldat" aus dem Jahr 1923, deren Formelemente an Motoren-Kolben oder Konservendosen erinnern und
6. Wilhelm Morgner wegen Zugehörigkeit zum Umkreis des heute unumstritten hochangesehenen Dortmunder (Düsseldorfer)und Berliner Kunsthändlers und -mäzens Alfred Flechtheim, den Willrich als "Getreidejuden aus Odessa" diffamiert hat.
Zeitgleich mit Willrichs Publikation plante Dr. Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, zugleich Präsident der Reichskulturkammer, eine propagandistische Leistungsschau auf allen Feldern der Politik, nachdem seine Partei in Deutschland vier Jahre an der Macht war.
Sie wissen, daß als kulturpolitische Höhepunkte zwei spektakuläre Veranstaltungen vorbereitet wurden: die Ausstellung "Entartete Kunst" und das "artgemäße" Gegenstück "Die große deutsche Kunstausstellung" (18.7.1937) in München. Mit der Vorbereitung der Ausstellung "Entartete Kunst" beauftragte Goebbels am 30.6.1937 den Präsidenten der Reichskammer der bildenden Künste Adolf Ziegler und als wichtigen Gehilfen den Publizisten Wolfgang Willrich. Ziegler erhielt ein Ermächtigungsschreiben mit folgendem Wortlaut:
"Auf Grund einer ausdrücklichen Vollmacht des Führers ermächtige ich hiermit den Präsidenten der Reichskammer der bildenden Künste, Herrn Professor Ziegler, München, die im deutschen Reichs,- Länder- und Kommunalbesitz befindlichen Werke deutscher Verfallskunst seit 1910 auf dem Gebiet der Malerei und der Bildhauerei zum Zwecke einer Ausstellung auszuwählen und sicherzustellen. Ich bitte, Herrn Professor Ziegler bei der Besichtigung und Auswahl der Werke weitgehende Unterstützung zuteil werden zu lassen. gez. Dr. Goebbels."
Diese Vollmacht bedeutete eine Einmischung in die Belange des Reichs- und Preußischen Erziehungsministers Rust, der für staatliche Museen zuständig war. Das Dokument war ihm lediglich zur Kenntnis gegeben und sein Einverständnis stillschweigend vorausgesetzt worden.
Am 28.7.1937 wurde er von Ministerpräsident Göring in einem Erlaß für den Bereich des preußischen Staats, Soest gehörte dazu, angewiesen, die ausgeführten Richtlinien des Führers und Reichskanzlers mit "unnachsichtiger Strenge ... schnellstens durchzuführen".
Im Soester Rathaus ging ein Rundschreiben des Landeskulturwalters und Leiters der Landesstelle Westfalen-Süd des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda in Bochum vom 5.8.1937 ein, das einen Vordruck mit einer Erklärung enthielt: Bürgermeister Dr. Scharnow sollte sich schriftlich verpflichten, dass eine Veränderung der Bestände der städtischen Sammlung an Kunstwerken durch Verkauf, Tausch, Rückgabe von Leihgaben usw. bis auf weiteres unterbliebe.
Scharnow hat den Vordruck nicht unterschrieben, sondern geantwortet, er könne sich nicht verpflichten, Leihgaben nicht zurückzugeben. Ungefragt teilte er mit, die städtische Kunstammlung sei für die Öffentlichkeit geschlossen, da er selbst gerade eine Überprüfung der Bestände vornähme.
Mit dem Datum 9.8.1937 ging im Rathaus ein Rundschreiben des Landes-Museums für Kunst und Kulturgeschichte der Provinz Westfalen in Münster ein, in dem Direktor Dr. Nissen zwei Revisionsbesuche ankündigte: Dr. Graf von Baudissin, Amtschef des Amtes für Volkserziehung in Rusts Erziehungsministerium und Professor Ziegler aufgrund seiner Vollmacht des Führers.
Ministerialrat Dr. Klaus Graf von Baudissin war den Soester Kunstsinnigen kein Unbekannter. Vor seiner ministeriellen Tätigkeit war er ab 1934 Direktor des Folkwangmuseums in Essen gewesen und hatte dort ausscheiden müssen, nachdem er moderne Kunstwerke des Museums, u.a. von Kandinsky und Nolde, eigenmächtig verschleudert hatte. Innerhalb der SS bekleidete er damals den Rang eines "Obersturmführers". Bis 1943 stieg er zum "SS-Oberführer" auf, dem höchsten Rang unterhalb der SS-Generalität. Die Ankündigung von zwei Besuchen, die denselben Zweck verfolgten, war der auf Ortsebene spürbare Ausdruck des angesprochenen ministeriellen Kompetenzgerangels. Ich darf vorwegnehmen, daß Rust unterlegen und sein Repräsentant in Soest nicht erschienen ist.
Am 11.8.1937 traf ein Telegramm aus Münster ein mit einer Einladung an alle Museumsleiter Westfalens, die mit moderner Kunst befaßt waren, zu einer Besprechung im Kunstgewerbemuseum Dortmund drei Tage später.
Museumsleiter Dr. Nissen bat die 11 Anwesenden um Vertraulichkeit, berichtete über die beiden Münchener Ausstellungen und über Görings Erlaß vom 27.7.1937. Öffentliche Museen sollten in Zukunft nicht mehr "problematische Kunst" zeigen, sondern "nur solche Kunstwerke, die ein Ausdruck des deutschen Menschen seien. Die Problematik sei abzulösen durch eine gesunde, lebensfrohe(,) nationalsozialistisch ausgerichtete Kunst, die ein Niederschlag des deutschen Lebens sei. Die Museen seien in Zukunft keine Diskussionsangelegenheit mehr, sondern sie zeigten nur noch Werke, deren öffentliche Geltung allgemein feststeht." In Anwesenheit von Graf Baudissin wurde den Anwesenden ein Verhaltenskodex diktiert.
1. An den Sammlungen seien keine Änderungen vorzunehmen. Auch Leihgaben dürften nicht zurückgegeben werden. Die Verantwortung dafür trage Minister Rust.
2. Zu magazinieren seien alle Werke von Künstlern, die in der Ausstellung "Entartete Kunst" vertreten seien. Eine Liste liege nicht vor, deshalb sei auf einen Bericht der "Deutschen Allgemeinen Zeitung" vom 25.7.1937 zurückzugreifen. Für Soest relevant waren die darin genannten Namen Rohlfs und Nolde.
3. Weiter seien Bilder und Plastiken der früheren Künstlervereinigungen "Brücke" und "Soldatenrat", sowie deren Epigonen zu entfernen. Zugrundezulegen sei das Buch von Willrich. Die Kunstwerke seien abzuhängen und nicht mehr zu zeigen, besonders nicht der Jugend und der "heranwachsenden Künstlergeneration". Auch Bibliotheken und Archive müßten nach diesen Richtlinien "gesäubert" werden.
4. Jeder Ankauf eines modernen Bildes oder einer Plastik bedürfe der Genehmigung des Ministers. Das jeweilige Werk sei in Berlin vorzulegen. Auf Rückfrage von Klaus Hilse, dem Leiter des Soester Kulturamts, erklärte Dr. Nissen, "daß Wilhelm Morgner voraussichtlich unter die "Problematiker" zu rechnen sei", die gemäß der gerade verkündeten Museumsdoktrin nicht mehr gezeigt werden durften.
Neun Tage später, also am 23.8.1937, erschien in Soest die sechsköpfige Kommission der Reichskammer der bildenden Künste. Der Delegation gehörten an: Walter Hoffmann, der Geschäftsführer der Reichskammer, Museumsdirektor Prof. Dr. Kern, Maler Otto Paulus, Architekt Sachse, Landesstellenleiter des Propagandaministeriums Brust aus Bochum und der Landesleiter der Reichskammer der bildenden Künste Stommel, ebenfalls Bochum.
Von Soester Seite nahmen Teil Beigeordneter Wilhelm Kerstin, führender NSDAP-Funktionär unserer Stadt, NSDAP-Kreiskulturleiter Jüsten und Klaus Hilse als Leiter des Kulturamts. Bemerkenswert ist, daß Studienrat Jüsten in seiner Parteifunktion als Amtsträger der NSDAP-Kreisleitung aufgetreten ist- und nicht als Bediensteter der Stadt Soest. Er war der damalige Leiter des Stadtarchivs. Zur Revision waren alle Gemälde der städtischen Sammlung im Blauen Saal bereitgestellt. Vorwegzunehmen ist, daß Hilses Protokoll keinen Diskussionsbeitrag eines Soester Teilnehmers festhält. Das Wort haben demnach ausschließlich die vier Gäste Kern, Paulus, Sachse und Hoffmann geführt, der aber nicht von Anfang an präsent war. Paulus und Sachse sind als rigorose nationalsozialistische Kunstzensoren aufgetreten. Dagegen hat Kern versucht, Kunstwerke vor der diffamierenden Klassifizierung zu bewahren. Kern ist als Fürsprecher Wilhelm Morgners aufgetreten. Kern hat zur Eröffnung Morgner als "einen durchaus ernst zu nehmenden Künstler" und "außergewöhnliche Begabung" gewürdigt, dessen Bilder allerdings nicht mehr der Zeitauffassung entsprächen. Zu berücksichtigen sei, daß Morgner im Ersten Weltkrieg gefallen sei. Die späten abstrakten Ölbilder sollte man nicht als "Tafelbilder" werten, sondern "als groß empfundene Entwürfe für Mosaikarbeiten". Dem traten Sachse und Paulus entgegen. "Sie wollten das abstrakte Bild "Himmelfahrt" und die frühen Werke "Korbflechter und Scherenschleifer" ausgemerzt wissen. Mit dem Himmelfahrtsbild könne der unbefangene Beschauer nichts anfangen. Die beiden übrigen Bilder zeigten verkrüppelte Menschen. Daraufhin wurde "der Vorschlag gemacht, die Frühwerke hängen zu lassen und der Bezeichnung der Bilder die Bemerkung zuzusetzen "Variationen über einen Korbflechter", um nicht die Meinung aufkommen zu lassen, es handele sich bei Korbflechtern immer um verkrüppelte Menschen." Diesem vermittelnden Vorschlag, dessen Urheber im Protokoll nicht genannt ist, wurde nicht gefolgt.
"Eine Diskussion entspann sich auch um das Bild "Die Tränke"", gemeint ist offenkundig das Bild "Mann mit Pferd und Kuh". Herr Paulus führte aus, daß "der nicht kunstgeschichtlich vorgebildete Mensch nicht wissen könne, daß es sich bei dem blauen Pferd und grünen Schwein nur um Farbstudien handele und daß die Farben grün und blau nur als Komplementärfarben zum gelben Hintergrund zu werten seien". Hinzuweisen ist auf die eklatante Oberflächlichkeit der Kunstzensoren. Das als "Schwein" angesprochene Tier an der Tränke ist gegenständlich konkret ausgeführt und eindeutig als "Kuh" zu erkennen. Es wurde vorgeschlagen, der Beschriftung den erklärenden Vermerk "Farbstudie" zuzusetzen, das Werk fotografieren und die Entscheidung über die Einstufung in Berlin treffen zu lassen. Ich nehme vorweg, daß das Bild als "entartet" eingestuft wurde.
Bei diesem Stand kam der Geschäftsführer der Reichskammer Walter Hoffmann hinzu und gab allgemeine Grundsatzerklärungen ab: Es komme nicht nur darauf an, das eine oder andere entartete oder nicht mehr zeitgemäße Bild auszumerzen, sondern daß man die ganze Richtung aus den Museen nehmen wolle, die vom Publikum einfach nicht mehr verstanden würde. Das sei bei Morgner der Fall. Auch wenn man berücksichtige, daß der Künstler gefallen sei. Dann wurde das graphische Werk Morgners mit Ausnahme von 14 Arbeiten als einwandfrei anerkannt. Leider sind die inkriminierten Titel nicht überliefert. Der Rest der Kunstsammlung wurde kursorisch abgehandelt. "Die Herren rieten, ferner die Plastik von Fritz Viegener Nr. 40 "Hockende Frau" wegzustellen und im übrigen bei nicht ganz verständlichen Werken bei den Bezeichnungen immer die Erklärung "Studie o.ä." hinzuzusetzen.
Nach knapp zwei Wochen traf ein Schreiben der Landesstelle Westfalen-Süd des Propagandaministeriums ein, dem ein Verzeichnis von Kunstwerken beigefügt war, die die Stadt Soest versandfertig zu machen und an die Speditionsfirma Gustav Knauer, Berlin, Wichmannstr. 7/8 liefern zu lassen hatte.
Die Liste umfaßt 68 Arbeiten von sieben Künstlern. Morgner ist mit 50 Nummern vertreten, Christian Rohlfs mit drei, Eberhard Viegener mit fünf Gemälden, Josef Benkert mit dem Ölbild "Paulikirche", Otto Modersohn mit zwei Arbeiten und Karl H'loch mit dem Bild "Hohnekirche". Josef Albert Benkert ist hier heute unbekannt. Er ist 1900 in Bamberg zur Welt gekommen, hatte das Lehrerexamen für Kunst abgelegt und 1923/24 ein Jahr lang in Soest bei Schulze-Brockhausen, Kleine Osthofe 31 gewohnt. Später hat er in Essen, Margarethenhöhe, gelebt. Werke von ihm waren im Folkwangmuseum Essen und in der Gemäldegalerie Bochum vorhanden. Daß Karl H'loch von der nationalsozialistischen Kunstpolitik negativ betroffen war, stand nicht von vorn herein zu erwarten. Er war Mitglied der SA und des Kunstrings Soest, der dem Dachverband "NS-Kulturgemeinde" angehörte. Die Liste aus Goebbels Apparat ist äußerst schlusig zusammengestellt worden. In Morgners Abschnitt erscheint der Bildtitel "Selbstbildnis" viermal ohne Angabe weiterer Merkmale, die die eindeutige Zuordnung des gemeinten Werkes ermöglichten. Die uneindeutige Bezeichnung "Feldarbeiterin" findet sich zweimal. Auch der Bildtitel "Kartoffelernte" ist nicht eindeutig, da es unterschiedliche Variationen dieses Themas gab. Sie wissen, daß Morgners letzte Ölbilder, die er vor seiner Meldung zum Militär 1913 geschaffen hat, ungegenständlich sind und die Titel tragen: "Komposition", "Abstrakte Komposition", "Astrale Komposition". Es handelte sich um Serien von Varianten, die zur Unterscheidung in Georg Tapperts Werkverzeichnis mit römischen Zahlen versehen sind. Diese Zahlen sind in der Bochumer Liste nicht angegeben, so daß die fünf inkriminierten Arbeiten dieser Schaffensphase bis auf eins nicht zu identifizieren sind. Außerdem führt die Liste summarisch zwei Holzschnitte, fünf Aquarelle und neun Grafiken ohne nähere Angaben auf. Auch diese Arbeiten sind nicht bestimmbar.
Diese Schwierigkeiten hatte schon damals der Soester Bürgermeister. Ich gebe Ihnen eine Kostprobe aus seinem Rückfrage-Schreiben: "Neben den übersandten, im Verzeichnis aufgeführten drei Selbstbildnissen ist ein weiteres nicht vorhanden. Dagegen sind zwei Gemälde von Morgner, nämlich "Ziegelei" und Porträt "Schulte" auf der Liste nicht aufgeführt. Ich habe auch diese beiden Bilder, die wahrscheinlich mit "Selbstbildnis" und "Kreuzabnahme" verwechselt wurden, mitgesandt. ... Die Bilder von E. Viegener "Baum mit Landschaft" und "Sauerlandlandschaft" sind identisch. Es handelt sich nur um ein Bild "Sauerlandschaft mit Baum". Es liest sich fast wie ein Text eines darstellenden Künstlers unserer Tage - Loriot.
Nebenbei läßt die zitierte Passage Ihnen auch deutlich werden, daß die Soester Verwaltung die Beschlagnahmeaktion sogar mit vorauseilendem Gehorsam unterstützt und ausgeführt hat. Gedanken an subversives Hintertreiben haben den Soester Verantwortlichen fern gelegen. Dr. Scharnow hat sogar, wie Sie eben gehört haben, Bilder nach Berlin gesandt, die die Kunstzensurkommission gar nicht angefordert hatte.
Solche Beschlagnahme-Aktionen gab es überall in den einschlägigen Museen und öffentlichen Sammlungen Deutschlands. Bis Oktober 1937 waren sie abgeschlossen. In den Berliner Lagerhäusern kamen rund 16.000 Exponate zusammen. Der unmittelbar für das Kunstlager zuständige Bedienstete des Propagandaministeriums hieß Dr. Rolf Hetsch. Das war aus heutiger Sicht eine verhältnismäßig glückliche Besetzung, denn Hetsch hatte 1932 über Paula Modersohn-Becker publiziert und ein weiteres Buch über Barlach vorbereitet. Hetsch stand moderner Kunst aufgeschlossen gegenüber.
Am 13. Januar 1938 kam Adolf Hitler zur Besichtigung. Goebbels schrieb darüber in seinem Tagebuch: "Der Eindruck war niederschmetternd! Nicht ein einziges Bild findet Gefallen." Hitler und er hätten sich entschlossen, Bilder aus dem beschlagnahmten Bestand im Ausland gegen alte Meister und Romantiker einzutauschen (US 124). Um dieses Vorhaben legal zu bemänteln, wurde am 31.8.1938 das "Gesetz über die Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst" erlassen.
Auf Hermann Göring ist die anschließende Ausweitung der Verwertungsidee zurückzuführen. Er schlug vor, beschlagnahmte Kunstwerke ins Ausland zu verkaufen, um Devisen nach Deutschland zu holen. Es hat dann im Juli 1939 eine große Auktion "Gemälde und Plastiken moderner Meister aus deutschen Museen" in der Galerie Fischer in Luzern gegeben, es gab weitere spektakuläre Verkäufe in die USA; und es ist bekannt, daß Kunsthändlern aus den USA, aus London und der Schweiz viele Werke zu Spottpreisen von 10 bis 30 Dollar angeboten worden sind.
In Berlin sollte das Lagerhaus in der Köpeniker Straße geräumt werden; deshalb wurde der als wirtschaftlich nicht verwertbar angesehene Restbestand am 20.3.1939 im Innenhof der Hauptwache der Berliner Berufsfeuerwehr aufgehäuft, mit Benzin übergossen und verbrannt. Diese Aktion war selbst bei den Nationalsozialisten umstritten. Goebbels hatte 10 Wochen gezögert, bis er die Genehmigung erteilte. Zwei seiner Bediensteten hatten vorher gebeten, von der Verantwortung entbunden zu werden. Hetsch hat sich bemüht, Kunstwerke durch Verlagerung in andere Lagerhäuser oder in Privaträume vor der Verbrennungaktion zu bewahren. Darauf ist zurückzuführen, daß schließlich nur etwa 6000 Werke vernichtet worden sind. Von Hetschs Bemühungen sind auch Morgner-Bilder betroffen gewesen. In dem amerikanischen Standardwerk: 'Degenerate Art'. The Fate of the Avant-Garde in Nazi Germany", hrsg. vom Los Angeles County Musum of Modern Art, findet sich eine Abbildung, die zwei Morgner-Bilder im Atelier von Ernst Barlach in Güstrow/Mecklenburg zeigt. Der Transport war auf Hetschs persönliche Beziehungen zu Barlach zurückzuführen. Auf dem Foto ist Morgners Bild "Steinbrecher" zu erkennen. Der "Steinbrecher" ist hier in der Ausstellung zu sehen. Das Buch habe ich aufgeschlagen in eine Tischvitrine gelegt, falls Sie sich die Abbildung nachher ansehen wollen. Hier in Soest haben sich Wilhelm Morgners Mutter und Klaus Hilse anhaltend und nachdrücklich bemüht, die beschlagnahmten Werke aus Berlin zurückzuerhalten. Wie sie dabei vorgegangen sind und wer ihre Adressaten oder Ansprechpartner waren, ist nicht bekannt. Sie wissen, daß dann ohne Vorankündigung eines Tages im Jahre 1943 eine Bahnsendung auf dem Soester Güterbahnhof einlief. Ein Teil der beschlagnahmten Arbeiten war wieder da.
Ich blende noch einmal zurück. Nachdem die Delegation der Reichskammer der bildenden Künste Soest verlassen hatte, mußte die Stadtverwaltung die Dauerausstellung im "Wilhelm-Morgner-Gedächtniszimmer" des Rathauses überarbeiten. Klaus Hilse und Wilhelm Wulff haben das ausgeführt. Die in der überarbeiteten städtischen Kunst-Dauerausstellung vertretenen Künstler und Werke waren auf Handzetteln verzeichnet, der als Eintrittskarte ausgegeben wurden. Ein Exemplar liegt meinem Versuch zugrunde, die linientreue "artgemäße" Kunstausstellung der NS-Zeit im Kabinett zu rekonstruieren.
Das ist nur zu einem geringen Teil möglich, weil viele damals gezeigte Bilder heute nicht mehr im Besitz der Stadt Soest sind. Ich habe mich entschieden, einige "Vergleichsstücke" zu zeigen, die nach meiner Kenntnis für den betreffenden Künstler und seine damalige Malweise repräsentativ sind.
So ist etwa Hans Sponnier mit den Arbeiten "Im Schutze der Stadtmauer" und "Vorfrühling im alten Soest" vertreten gewesen. Ich zeige zwei andere Soest-Motive von ihm. In meinem Handzettel für Sie ist jeweils kenntlich gemacht, ob es sich um das damals gezeigte Original oder ein von mir bestimmtes "Vergleichsstück" handelt. Nationalsozialistische Linientreue kam in der Neuaufstellung am deutlichsten zum Ausdruck durch die Aufnahme der Porträtbüste Adolf Hitlers der Soester Bildhauerin Hedwig Ley und des Schriftzuges eines "Führerwortes" auf Pergament mit Reliefvergoldung von Helmut Wagner, der in der Werkstatt Kätelhön arbeitete. Dieser Schriftzug ist heute nicht mehr greifbar. Der Holzschnitt der Soester Stadtansicht von Erich Feyerabend aus Berlin ist die Arbeit eines künstlerischen nationalsozialistischen "Konjunkturritters". Er war mit Stadtansichten von Rostock und Emden in der "Großen Deutschen Kunstausstellung" vertreten. Dadurch empfohlen, hat er offensichtlich allen mittelalterlichen Städten Deutschlands die Bestellung einer entsprechen Arbeit für ihren Ort angetragen. Die Akte über sein Geschäft mit der Stadt Soest ist noch im Archiv vorhanden.
Sonst bietet die Kunstschau einige Überraschungen: Allein, daß es bei der Bezeichnung "Wilhelm-Morgner-Gedächtniszimmer" geblieben ist, obwohl er doch als "auszumerzender Problematiker" galt. Formal war aber bedeutsam, daß Morgners graphisches Werk als unbedenklich eingestuft war. Im Soest der Nazizeit wurde er als Maler des "deutschen Bauerntums" geschätzt. Deshalb habe ich eine entsprechende Grafik "Bauer, auf einen Spaten gestützt" als "Vergleichsstück" ausgewählt.
Weitere große Überraschungen waren für mich zunächst, daß Emil Nolde und Christian Rohlfs - beide prominente Opfer der kunstpolitischen nationalsozialistischen Diffamierungskampagne - in Soest weiter öffentlich gezeigt wurden. Ausschlaggebend wird die Machart ihrer Bilder gewesen sein. Die Soest-Motive sind ohne Rückgriff auf provozierende Gestaltungsmittel ausgeführt gewesen. Eberhard Viegener war vertreten, obwohl die Reichskammer der bildenden Künste gerade fünf seiner Bilder beschlagnahmt hatte, Wilhelm Wulff, obwohl er in Willrichs Kulturbolschwistenverzeichnis vorkommt, Max Schulze-Sölde, obwohl Arbeiten von ihm auf den folgenden Stationen der
Wanderausstellung "Entartete Kunst" gezeigt wurden. Den Schlüssel, diese Widersprüche aufzulösen, liefert ihnen ihre örtliche Personenkenntnis: Eberhard Viegener hat wohl die künstlerische Entwicklung auf nationaler Ebene rezipiert, ist aber immer seiner Heimatregion verbunden geblieben. Er hat nicht an der Spitze der Avantgarde gestanden, politisch hat er sich nicht exponiert. Seine Ausstellungsbeiträge waren durchaus geeignet, nationalsozialistische Agrarromantik zu illustrieren. Seine Bildtitel: "Soest in der Börde", "Sauerland", "Lippe", "Kartoffelernte in der Börde", "Feldarbeit in der Börde". Mit Wilhelm Wulff hat er 1936 den "Kunstring Soest" in der "Nationalsozialistischen Kulturgemeinde" gegründet und 1944 haben die beiden gemeinsam an der Vorbereitung des Gaukulturfestes des NSDAP-Gaues Westfalen-Süd mitgearbeitet. Wilhelm Wulff war auch mit der Bronzeskulptur "Weibliche Figur" an der "Großen Deutschen Kunstausstellung" beteiligt.
Auch Max Schulze-Sölde hatte durch seine Lebensführung und Motivwahl als Maler deutlich gemacht, daß er einstige extreme politische Auffassungen hinter sich gelassen hatte. Trotz erlittener Diffamierung war er 1941 der Reichskammer der bildenden Künste als Mitglied beigetreten. Wenn Sie sich nicht schon früher intensiver mit unserer örtlichen Kunstgeschichte der NS-Zeit befaßt haben, ist jetzt alles unübersichtlicher geworden. Wir haben mehrere Künstler, die in den beiden Abteilungen der heutigen Ausstellung gehören - der "entarteten" und der NS-konformen. Ich habe mich bemüht, Ihnen die Ambivalenzen zu erläutern.
Obwohl mir nach meiner Ausbildung in der Zeitgeschichte kaum etwas fremd ist, hat mich die Diskussion von 1937 im Blauen Saal doch innerlich berührt, und zwar bin ich peinlich von dem gezeigten geistigen Tiefstand berührt. Daß das einmal die kulturpolitische Leitline unseres Landes gewesen ist, kann ich nur wie Max Liebermann kommentieren:
Man kann nicht so viel essen wie man kotzen möchte!.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht?
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