Irre, Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen – Eine heitere Seelenkunde - Rezension von Gerhard Kracht

Manfred Lütz (Autor), Eckart von Hirschhausen (Vorwort):
Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2009, 208 S. (Okt. 2010, 16. Aufl.!) --- ISBN 978-3-579-06879-4
Heilige sind gute Menschen, so wird allgemein angenommen. Ungewöhnlich für
uns heute, dass man aber bestimmte Heilige sofort hinter die Mauern einer
Anstalt sperren würde. Wer möchte sich schon mit den sogenannten
„Bekloppten“, so die Stammtischdiagnose, in Verbindung gebracht werden?
Manfred Lütz gelingt genau das ausgesprochen hervorragend.
Stellen Sie sich vor, Sie haben es mit einem Visionär zu tun. Als Katholik stellt
Ihnen der Autor, Franz von Assisi, einen der bekanntesten Heiligen der
römischen Kirche vor. Ein „verrückter Heiliger“ ist Franz von Assisi zu nennen.
Der verwöhnte Fabrikantensohn Franz hörte Stimmen von Kreuz beim Gebet in
der Kapelle von San Damiano.
Franz setzte seine Berufung gegen seinen mächtigen leiblichen Vater gerichtlich durch. Er stand zu dem, was er
vernommen hatte, als Botschaft von Kreuz oder eine Stimme, die er nur selbst gehört hatte. Darüber mag man
lächeln, wie bei Don Camillo, der auch mit der Stimme am Kreuz diskutierte und zeitweise sogar widersprach.
Franz von Assisi, vielleicht noch konsequenter als der Schauspieler Fernandel, machte seine Gespräche
öffentlich und trug die Konsequenzen
Hier schlägt auch das Herz des Psychiaters, Chefarzt im Alexianer-Krankenhaus in Köln-Porz: Auf Seiten der
Irren. Ihnen hörte er im Laufe seines langen Berufslebens genau zu: Zuhören meint hier, mit dem Herzen hören,
weil Ausgegrenzte vielfach herzlicher leben, als Normale. Diese Menschen innerlich auszugrenzen, wird
schwierig, wenn ihre Herzlichkeit unmittelbar in ihrer Nähe erfahren werden darf.
Lütz begründet seine Erfahrung doppelt: Es liegt zuviel Gutes und zu wenig Gefährliches in denen, die wir
gewohnheitsmäßig meinen, behandeln zu müssen. Niemals sind diese Zeitgenossen bereit, einen Krieg beginnen
oder zu Terroranschlägen zu neigen. Unschwer fällt es hier, das Neue Testament zu zitieren: „Selig sind, die
geistig armen, denn ihrer sind die Reiche der Himmel?“ Zuviel Himmel und Herzlichkeit ist von den „Normalen“
kaum zu ertragen. Das ist so IRRE, wie der Einband des Buches unschwer erkennen lässt.
Muss man unbedingt und um Himmels Willen zu den Normalen zählen? Normal heißt für Lütz, angepasst an den
unzähligen normativen vorgegebenen Agenden.
Nach der Lektüre fällt es schwerer, endgültige Urteile zu fällen, ein für allemal, auf der guten und richtigen Seite
zu stehen. Grenzen werden fließender, die Welt wird bunter. Lütz schlägt vor, viel mehr Verrücktheiten zu
entdecken. Bei sich selbst, und zugleich bei anderen. Da konnte man sich so beschenken lassen, wie der Autor
in seinen Einrichtungen, in denen er immer wieder neues entdeckt.
Sich und andere neu zu entdecken, fördert den enormen Reichtum, den möglicherweise die Leser gerade
anfangen zu entdecken. Das Außergewöhnliche im eigenen Leben schätzen und immer neu zu entdecken, ist
hier als Einladung zu begreifen. Diese Einladung scheint Lütz wesentlich einfacher als sich dem
gesellschaftlichen Druck der Normalen anzupassen.
Die Verbindungslinie zwischen „normal“ und „außergewöhnlich“ sieht der Psychiater in der Leichtigkeit des
Humors, der sich über alles Gesetzmäßige und Gewöhnliche erhebt. Jeder mag bei der Lektüre selbst ahnen,
welche Schätze verborgen liegen. Das ist der Grund, weshalb das Buch so erfolgreich geworden ist. „Die
Vergebung der Sünden“, aus psychiatrischer Sicht, scheint hier versteckt den gewürdigten Leser zu erfreuen.
Humor hilft, sich nicht mehr äußeren Einflüssen ausgeliefert zu sehen. Das Wort Jesu: „Seid ihr nicht mehr wert“ -
als die Normen, die das gesellschaftliche Diktat euch vorgeben?“
Der Boom, sich zu frisieren, mehr aus sich zu machen, hält ununterbrochen an. Etwas gegen meine
„vermeintlichen“ Defizite tun: „Ich entspreche nicht dem Normalen, dem Angepassten, dem allerorts Geglaubten
und Angenommenen. Etliche spirituelle Wege mit entsprechenden Angeboten, Psycho- Trainings locken mit: „Du
musst unbedingt mehr aus Dir machen.“ „Du musst irgendwo ankommen.“ Ich muss mein wahres Selbst finden,
meine ursprüngliche Natur. Nach der Lektüre von „Irre“, mag der religiös oder spirituell Suchende selbst urteilen,
ob die „ursprüngliche Natur“ nicht doch ziemlich auf der Hand liegt. Die neutestamentliche Frage, „Was muss ich
tun, das Reich Gottes zu erlangen?“ wird eine Art Leistungsdiktat, mächtig von außen wirkend,- gegen innere
Freude.
Der Hintergrundhumor des Kölner Psychiaters, der beinahe auf jeder Seite des Buches zwischen den Zeilen
lächelt, verführt beinahe zur Perspektivänderung: „Was wäre, wenn ich für meine Macken meinen eigenen
Rosenmontag bereithalten würde?“ Eine rheinische Frohnatur hat dem Humor viel zu verdanken, und lässt wohl
zugleich viele Leser dankbarer zurück. Mag man da noch nach dem Umgekehrten fragen? Man will genau und
grundsätzlich wissen, „was sich gehört.“ Jetzt und für alle Zeiten soll etwas bestimmtes Gültigkeit haben.
Wortgetreue und fundamentalistische Betrachtungsweisen bemühen sich um endgültige Interpretationen. Auf
Dauer ist das ungeheuer anstrengend, weil jeglicher Humor unsichtbar abhanden kommt. Da sind ihm die Irren
lieber. Sie lassen sich, wie sie sind, und wirken deshalb wohl auch viel gelassener.
Bei Manfred Lütz sind auch die Anstößigen, die Süchtigen und Abhängigen besonders gewürdigt. Er nennt sie die
Feinfühligen, die den Kampf, zwischen sie selbst sein, oder normal zu sein, aufgaben. Leider folgen auch sie
innerlich selbst dem herrschenden Trend: Normal hat Vorrang! Es ist wohl, um hier Lütz zu folgen, schwer, sich in
einer Gesellschaft von Normalen zu schätzen.
Systematisieren lässt sich das Buch nur mit äußerster Anstrengung. Theoretische Kategorien, Ratgeber für alles
und gegen alles gibt es ohnehin genug. Manfred Lütz fügt diesem Zeitgeist die besondere Würze des Humors
hinzu. Seine Arbeitsumfeldbeschreibungen verraten eine Alltags-Erfahrung: „Je älter man wird, desto mehr liebt
man das Anstößige“ (Virginia Woolf).
Information zum Autor: Gerhard Kracht,, Pfarrer, Beauftragter für Religions- und Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche von Westfalen

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