Der Mensch und seine Welt bei Rudolf Bultmann. Christoph Fleischer, Werl 2009.
In seinem Aufsatz „Das Verständnis von Welt und Mensch im Neuen Testament und im Griechentum“ [1] zeigt Bultmann, dass in der griechischen Tradition deutlich wird, wie erst in der polis der Mensch zu seiner Menschlichkeit kommt. In der polis offenbart sich das Recht als Grundlage der Gemeinschaft, die die Freiheit des Einzelnen ermöglicht. Da (dort) die Religion faktisch mit der Ordnung der polis identisch ist, droht die Gottheit den Sinn einer unverfügbaren Macht zu verlieren: „Das staatliche Leben wird profanisiert, säkularisiert.“ [2] Die Menschen verlieren die Furcht (vor den Göttern) und werden leichtsinnig, was die Tragiker anprangern. Die Gefahr der Hybris droht. Trotzdem entwickelt sich gerade in diesem Kontext die „sophistische Aufklärung“ und lässt die Wissenschaft entstehen. Die Frage nach der arché, dem Ursprung, wird nicht mehr in Mythen der Vorzeit, sondern in den Fakten der Gegenwart gesehen. Die Ordnung der Welt wird als durch den Geist konstituiert verstanden: „Damit versteht der Mensch sich selbst, nämlich als ein Teil des großen kosmos, organisch eingegliedert in den objektiven Zusammenhang der Welt… Der Mensch versteht sich als Teil des Allgemeinen, und er versteht die Rätsel seines Daseins, wenn er die Gesetzmäßigkeit des Ganzen versteht.“ [3] Am Beispiel Platons wird dieses Denken durch das menschliche Leben vollzogen, nämlich darin, unter dem Ideal des Guten und Schönen zu wirken. Das Denken der Stoa baut auf Platon auf und betont die Geistigkeit des Menschen, der frei und zur Selbstgestaltung des Lebens befähigt ist. Die Nähe der stoischen Gedanken zur urchristlichen Theologie ist schon früh aufgefallen. Der fundamentale Unterschied liegt nun -der Auffassung Bultmanns nach- darin, dass der Glaube etwas anderes ist, als eine Weltanschauung. An die Stelle der Frage nach dem Ursprung tritt der Glaube an Gott, den Schöpfer. Gott steht jenseits der Welt, ihr gegenüber. Diese wird jedoch von Gottes Willen gelenkt. „Der Schöpfungsgedanke bedeutet, dass Gott ständig Herr über mich ist als der, der mir mein Leben gibt und vor dem ich nichtig bin, dem ich verpflichtet bin, die Ehre zu geben in der Erfüllung seines Willens und in der Anerkennung seiner Gnade.“ [4] Die Gnade Gottes ist bei Bultmann ein Symbol für die Zukunftsfähigkeit der eigenen Lebensgeschichte. Der Begriff der Vorsehung ist der Bibel fremd. Nicht dass das Leben ohne Zufall ist, ist entscheidend, sondern der Wille Gottes, der dem Menschen begegnet, der auch einfach unergründlich und unerforschlich sein kann. Es gibt keinen Beweis, dass alles gut und sinnvoll ist, nur der Glaube vertraut darauf. Der kosmos ist die Menschenwelt, auch als gottfremde und gottferne Größe verstanden. In diesem kosmos ist das Bemühen der Menschen den Sorgen und Mühen unterworfen, die wiederum „dem Vergehen unterworfen sind“ [5] Gottes Wort gleicht den Menschen nicht in eine Ordnung ein, sondern macht ihn zum „Einzelnen“. Bultmann betont hier, dass die Existenz durch den Glauben nicht im Allgemeinen, in der Welt gefunden wird, sondern im „Konkreten, im Hier und Jetzt, in meiner individuellen Verantwortung und Entscheidung“ [6]. Dort kommt es auch nicht auf ein Leitbild oder Ideal an. Das Liebesgebot ist kein ethisches Prinzip, sondern erinnert an die Frage danach, wer in der konkreten Situation mein Nächster ist. Die Entscheidung in der gegenwärtigen Existenz wird zunächst von meiner Festgelegtheit und Bestimmtheit beeinflusst. Darin liegt die Freiheit der Existenz nicht. „Die Vergangenheit wird durch die Zukunft in Frage gestellt, eben in jeder Begegnung im Jetzt, durch die ich gefragt bin, ob ich an mir, so wie ich aus meiner Vergangenheit komme, festhalten will, oder ob ich mich preisgeben und damit für die in der Begegnung des Jetzt sich erschließende Zukunft öffnen will: ob ich aus der Vergangenheit oder aus der Zukunft leben will. Freiheit ist Leben aus der Zukunft.“ [7] Der Kern der Sünde, wenn man dieses Wort überhaupt gebaucht, ist die Angst, die der Vergangenheit verhaftet ist. Der Mensch, der sich der Zukunft verweigert, verfällt dem Nichts, dem Tode. Er lebt nur aus den von seiner Vergangenheit her bestimmten Werken. Das Denken der Bibel von der Welt bringt den Gedanken der Geschichte in das abendländische Weltbild hinein. Das eigentliche Leben ereignet sich konkret. „Gott begegnet in dem geschichtlichen Geschehen, das sein freies willkürliches Handeln ist.“ [8] Dieser Gedanken eröffnet nun den Zweispalt, in dem die Menschen leben. Der Mensch kann sich nicht frei machen von seiner Vergangenheit, sondern muss sich die Freiheit von Gott schenken lassen. In der Gabe der Freiheit begegnet Gott „als der Vergebende“ [9]. Glaube ist nun die Entscheidung gegenüber der Verkündigung der Freiheit. Das heißt: „Der Glaube bedeutet als die Vorwegnahme jeder Zukunft die Entweltlichung des Menschen, bedeutet seine Versetzung in die eschatologische Existenz.“ [10] Bultmann fragt sich nun, ob die Entscheidung zwischen dem griechischen Denken und dem biblischen Denken heute möglich ist, da doch beide unsere Weltsicht prägen. Die „Weltbemächtigung“, in die uns das wissenschaftliche Denken führt, muss immer wieder durch die Erinnerung an die eschatologische Existenz konfrontiert werden. Selbst Staat und Wissenschaft stehen unter dem eschatologischen Vorbehalt des „als ob nicht“.
Deutlich wird hier schon die Krise der neuzeitlichen Wissenschaft prophetisch vorhergesehen, die den Menschen im Zeitalter des Klimawandels keine endgültige Sicherheit versprechen kann. Der christliche Glaube und das christliche Denken fördert die Offenheit, die menschliche Begegnung, die Wahrnehmung des Augenblicks in jeder Zeitlichkeit. Die Religion bedeutet die Gegenwart des Unverfügbaren, der Begrenztheit und der Vorläufigkeit aller menschlichen Existenz. Nur dadurch wird die Welterfahrung eins mit der Lebendigkeit.
Auffällig am Ansatz Rudolf Bultmanns ist, dass er sich zwar vom Verständnis der objektiven Welt im Sinn der Wissenschaft absetzt, den Vollzug des Glaubens aber zuerst als ein bestimmtes Selbstverständnis der Einzelnen sieht, die sich ihrer Zeitlichkeit bewusst sind und die ihre Determination durch die Vergangenheit und das Geschenk der Freiheit der je neu erlebten Zeit dankbar annehmen. Der Glaube ist keine neue Welt, keine neue polis, sondern die persönliche Erfahrung mit dem begegnenden Wort in der je konkret gelebten Situation. Nicht der kirchliche Bezug oder die konfessorische Bindung, sondern die Frage nach dem je aktuellen Nächsten ist relevant. So gesehen ist es hier tatsächlich möglich, von einer Form säkularen Glaubens zu sprechen, der aber nicht unabhängig von der Selbstgewissheit schaffenden Erfahrung des göttlichen Wortes gedacht werden kann. In welchen (religiösen) Strukturen diese jedoch begegnet, bleibt hier unbeantwortet.
Die Frage ist nun, ob Bultmann diesen Ansatz aus dem Jahr 1940 im Aufsatz von 1957 korrigiert und verändert hat: „Der Mensch und seine Welt nach dem Urteil der Bibel“ [11].
Der erste Unterschied ist augenfällig, dass er schon im Titel von der Bibel spricht und nicht nur vom Neuen Testament. Dies mag durch die Erfahrung der Bekennenden Kirche begründet sein, die dagegen ankämpfte, dass der Nationalsozialismus das Alte Testament in Frage gestellt hat. An der Beschreibung des griechischen Denkens ist neu, dass die Entwicklung des Seelengedankens aus der griechischen Philosophie herausgelesen wird, da sich die griechische Naturwissenschaft und Philosophie zugleich als Theologie versteht: „Das eigentlich Seiende, das Wirkliche“ ist das „ewig Seiende, im Gegensatz zur Welt des Werdens und Vergehens, in die der Mensch verflochten ist, der doch in seinem Inneren zu der Welt des Jenseitig-Ewigen gehört.“ [12]. Damit verbindet sich der Seelenglaube, der annimmt, dass die Seele im Tod den Menschen verlässt und frei wird, Freiheit also als jenseitige Verheißung gedacht ist, nicht als diesseitige Erfahrung. Die Ethik steht unter dem Anspruch von Bildung. Das geschichtliche Denken ist nicht ausgebildet, da laut Stoa die Zukunft nichts Neues bringt. In Ergänzung zum vorigen Artikel wird nun genau erklärt, wie aufgrund dieser Philosophie das metaphysische Denken entsteht: „Gottes Jenseitigkeit ist verstanden als seine zeitlose Geistigkeit, als Transzendenz gegenüber allem Konkreten, einzelnen, gegenüber allem Werden und Vergehen; aber nicht als seine Unverfügbarkeit, als seine Freiheit und ständige Zukünftigkeit.“ [13]. Das Ziel dieser metaphysischen Religion ist die Verehrung Gottes, nichts weiter. Der Ausgangspunkt der biblischen Beschreibung ist nun zunächst durch die Beschreibung der davon verschiedenen Gottesvorstellung. Die „Transzendenz Gottes“ ist nicht als Jenseitigkeit gedacht, sondern als die „schlechthinnige Autorität, die Unverfügbarkeit und die ständige Zukünftigkeit Gottes“ [14] Die Erinnerung an die Autorität ist hier neu und könnte als Anspielung auf die Barmer Theologische Erklärung erklärt werden. [15] „Gottes Wesen ist primär Wille.“ [16]. Das Menschenbild der Bibel wird nun ebenfalls von dort her geprägt, vom guten und bösen Willen. Die ethische Forderung der Gebote leitet sich nicht aus dem Ideal der Tugend ab, sondern vom Gemeinschaftsbezug. Das Übel, das durch die Gnade Gottes überwunden wird, ist für ihn nicht wie im ersten Aufsatz die unhinterfragte Determiniertheit durch die Vergangenheit, sondern der Bezug auf die Tendenz zur Sicherung der Existenz. „Es ist der Wille des Menschen, aus eigener Kraft vor Gott bestehen zu wollen, sein Leben und damit sich selbst zu sichern und es nicht rein als Geschenk von Gott zu empfangen.“ [17]. Hieraus wagt Bultmann noch einmal einen Blick auf die im AT und im NT unterschiedliche Gestalt der Bewältigung des Todes, die nun, von Christus her, durch Hoffnung bestimmt ist. Hoffnung ist, wie schon im vorhergehenden Artikel, Existenz aus dem Zukünftigen. Bultmanns letzter Blick gilt nun der Wissenschaft, die absolut frei zu sein hat, profan zu sein hat und keinen metaphysischen Anspruch folgen darf. „Der christliche Glaube kennt deshalb keinen Protest gegen die profane Wissenschaft und den profanen Staat, sondern gibt sie frei. In ihnen regiert die Vernunft – eben in der durch die Liebe geforderten Verantwortung. Wohl aber fordert der christliche Glaube, dass Wissenschaft und Staat wirklich profan bleiben und nicht den Anspruch erheben, das menschliche Sein zu seiner Eigentlichkeit zu bringen, den Menschen zu sichern durch Beherrschung der Welt mittels Technik und Organisation, - also den Anspruch, sich an die Stelle Gottes zu setzen“ [18].
Gerade der letzte Punkt ist in der Gegenwart interessant. Das nachmetaphysische Zeitalter betrifft das Selbstverständnis einer Wissenschaft, die ein geschlossenes Weltbild nicht mehr garantieren kann. Wer ist es daher heute in Technik und Wissenschaft, der sich in Forschung und Anwendung an die Stelle Gottes setzen will? Diese entscheidende Frage ist in der Gegenwart aktuell. Doch anders gefragt: Wird sich die Menschheit vom metaphysischen Denken verabschieden können? Der Glaube, den Bultmann beschreibt, kann durchaus auch säkular verstanden werden, da er mit dieser Frage danach, wer oder wann etwas absolut setzt, die aktuelle Problematik der Säkularisierung aufgreift. Säkular und profan heißt richtig verstanden, von Gott und vom Menschenbild her keine Unterschiede zu machen oder solche zuzulassen, z. B. im Sinn der Grundrechte des Grundgesetzes. Säkularisierung kann nicht bedeuten, menschliches Denken, Handeln und Forschen absolut zu setzen. Säkularsierung kann nicht bedeuten, die Zukunft aufs Spiel zu setzen oder zu ignorieren, sondern sie von der Zeit her zu verstehen. Der Imperativ, der sich aus der Bestimmung des Verhältnisses von Welt und Mensch nach Rudolf Bultmann herauszuhören ist, lautet: Entscheide dich für deine Zukunft!
[1] Rudolf Bultmann. Glauben und Verstehen, Band 2, Tübingen 1952, S. 59 - 78
[2] Ebd. S. 61
[3] Ebd. S. 63
[4] Ebd. S. 67
[5] Ebd. S. 68
[6] Ebd. S. 69
[7] Ebd. S. 71
[8] Ebd. S. 73
[9] Ebd. S. 74
[10] Ebd. S. 75
[11] Rudolf Bultmann. Glauben und Verstehen, Band 3, Tübingen 1960, S.151-165
[12] Ebd. S. 154
[13] Ebd. S. 156
[14] Ebd. S. 157
[15] http://www.ekd.de/glauben/bekenntnisse/barmer_theologische_erklaerung.html besonders These 2: „Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften.“
[16] Rudolf Bultmann a.a.O. S. 158
[17] Ebd. S. 162f
[18] Ebd. S. 165
Siehe auch: Texte zu Rudolf Bultmann
^ nach oben // //
Einen Kommentar schreiben