Annette von Droste-Hülshoff Am Allerheiligentag. Kommentar Christoph Fleischer

„Selig sind u. s. w.“

Selig sind im Geist die Armen,
Die zu ihres Nächsten Füßen
Gern an seinem Licht erwarmen
Und mit einem Dienerwort ihn grüßen,
Fremden Fehles sich erbarmen,
Fremden Glückes überfließen:
Ja, zu ihres Nächsten Füßen
Selig, selig sind die Armen.

Selig sind der Sanftmut Kinder,
Denen Zürnen wird zum Lächeln
Und der Milde Saat nicht minder
Sprießt aus Dorn und scharfen Hecheln,
Deren letztes Wort ein linder
Liebeshauch durch Todesröcheln,
Wenn das Zucken wird zum Lächeln:
Selig sind der Sanftmut Kinder.

Selig sind, die Trauer tragen
Und ihr Brot mit Thränen tränken,
Nur die eigne Sünde klagen
Und der fremden nicht gedenken,
an den eignen Busen schlagen;
Fremder Schuld die Blicke senken:
Die ihr Brot mit Thränen tränken,
Selig sind, die Trauer tragen.

Selig, wen der Durst ergriffen
Nach dem Rechten, nach dem Guten,
Mutig, ob auf morschen Schiffen;
Mutig steuernd nach den Fluten,
Sollte unter Strand und Riffen
Auch das Leben sich verbluten:
Nach dem Rechten, nach dem Guten,
selig, wen der Durst ergriffen.

Die Barmherzigen sind selig,
So nur auf die Wunde sehen,
Nicht erpressend kalt und wählig,
Wie der Schaden mocht´ entstehen,
Leise schonend und allmählich
Lassen drin den Balsam gehen:
So nur nach der Wunde sehen,
Die Barmherzigen sind selig.

Überselig reine Herzen,
Unbefleckter Jungfraun Sinnen,
Denen Kindeslust das Scherzen,
Denen Himmelshaus das Minnen,
Die wie an Altares Kerzen
Zündeten ihr klar Beginnen:
Unbefleckter Jungfraun Sinnen,
Überselig reine Herzen.

Und des Friedens fromme Wächter
Selig, an den Schranken waltend,
Und der Einigkeit Verfechter
Hoch die weiße Fahne haltend,
Mild und fest gen den Verächter;
Wie der Daun die Klinge spaltend:
Selig an den Schranken waltend,
Selig sind des Friedens Wächter.

Die um dich Verfolgung leiden,
Höchster Feldherr, deine Scharen,
Selig, wenn sie alles meiden,
Um dein Banner sich zu wahren!
Mag es nie von ihnen scheiden,
Nicht in Lust noch in Gefahren!
Selig, selig deine Scharen,
Selig, die Verfolgung leiden.

Und so muss ich selig nennen
Alle, denen fremd mein Treiben,
Muß, indes die Wunden brennen,
Fremden Glückes Herold bleiben.
Wird denn nichts von dir mich trennen,
Wildes, saftlos morsches Treiben?
Muss ich selber mich zerreiben,
Wird mich keiner selig nennen?

 

Kommentar (Christoph Fleischer): Die letzte Strophe zeigt, dass die Seligpreisungen letztlich doch noch anders zu verstehen, als nur das Ideal einer Gemeinde. Wer wird mich selig nennen, der ich selbst das Ideal der Heiligkeit verfehle? So zeigt diese Aussage im Rückblick, dass die zuerst so einsichtige Konkretionen z. B. "denen Zürnen wird zum Lächeln" oder "nur die eigne Sünde klagen und der fremden nicht gedenken" nicht als falsch vrstandene Heiligkeit auslegt werden sollen. Trotzdem: Gerade diese Konkretionen zeigen schon ein besonderes Verständnis dieser Seligpreisungen, das doch sehr stark an Vergebung und Erbarmen orientiert ist. So mag der Rückschluss auf die letzte Strophe erlaubt sein, wenn Gott schon für uns so etwas erhofft und erwartet, so wird er doch selbst sich zuerst als der Vergebende und der Gnädige erweisen.



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