Meditation zum höchsten Gebot Annette von Droste-Hülshoff - Christoph Fleischer

Annette von Droste-Hülshoff:

Am neunzehnten Sonntag nach Pfingsten – Evang.:

Vom vornehmsten Gebote.

 

Meditation – Christoph Fleischer

Ob ich dich liebe, Gott, es ist
Mir unbewusst.
Oft mein´ ich, dass nur du es bist,
Was diese Brust
In aller andern Liebe Schein
Und dämmerndem Verlangen
Wie eine Sühnungsfackel rein
Hält gnadenvoll umfangen.

 

Das Gebot lautet:  „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen  Kräften.“  Die Dichterin vermag dies nicht. Aber sie vermag es, zu erkennen, dass sie von Gott geliebt ist, und zwar im Schein „aller andern Liebe“, die sie erfahren hat.

Wenn zu dem Edelsten der Geist
Sich frei erhebt;
Was als Gedanke ihn umkreist
Und dennoch lebt;
Unsichtbar, wesenlos doch nicht,
Fern, dennoch allerwegen,
Des Spur aus Menschenauge spricht
Und aus der Thräne Segen:

 

Dieser und der nächste Vers bilden eine Einheit: hier - „Wenn“, dort – „Dann“. Das „Wenn“ beschreibt eher ein Ereignis, als ein Wissen. Ein sich frei erhebender Geist, ein Gedanke, „des Spur (!) aus Menschenauge (n) spricht“, nicht „wesenlos“, aber „unsichtbar“, eben „unbewusst“ (s. o.). aus dem Segen der Tränen.

Dann bin ich wohlgetröstet, und
Gebet entsteigt
So zuversichtlich meinem Mund,
Als sei gereicht
In fremder mir und deiner Liebe,
-Wer hat es je ergründet?-
All was des Sehnens würdig blieb
Und deinen Odem kündet.

 

Das Gefühl, getröstet zu sein, gibt dem Geist die Kraft zu beten. Die Kraft der empfangenen und auch der gegebenen Liebe stärkt dieses Gefühl, und so verbindet sich dieses Gottesliebegebot mit dem Gebot der Nächstenliebe. Die Erfahrung der Liebe  gibt die Möglichkeit, dort anzuknüpfen, wo der Verstand nicht anknüpfen kann.

Und fühl´ ich dann zu andrer Zeit
Wie Haar dem Haupt
Der finstren Erde mich geweiht,
So machtberaubt;
Wenn in dem Freunde mich entzückt
Selbst wie ein Reiz das Fehlen,
Die Schwächen an mein Herz gedrückt
Mir keiner dürfte stehlen:

 

Das waren die guten Zeiten. Dann gibt es auch die anderen. Die Erde und sonst nichts. Aller Macht beraubt und kraftlos. Jeder Fehler des anderen ist Grund zur Aufregung. Jede Schwäche wird „ans Herz gedrückt“ und geliebt, als müsse dieses Gefühl, dass andere Schwächen und Fehler haben, das eigene Ich stärken.

Da wär es Gottes Zeichen nur,
Was ich erkannt?
Und nicht die sündige Natur
Böt´ ihre Hand,
Wenn der Geliebten Tugend ich
In Ehrfurcht lasse gelten,
Doch ohn´ ein Quentchen Thorheit sich
Mein Herze würd erkälten?

 

Wie kann Gott mich aus dieser negativen Haltung herausholen, aus der „sündigen Natur“? Wie kann Gott in mir erreichen, dass ich die „Tugend“ des anderen wert schätze und gut heiße, ohne mich selbst daran  zu „erkälten“. Woher also die Kraft zur Wertschätzung anderer nehmen?

Gleich einer kalten Wolke fährt
Es über mich,
Wie dem Damokles unterm Schwert
Die Wange blich;
Wie einem, der an Ufers Rand
Sich spiegelt, lächelt, trinket,
Wenn sacht entschlüpft der falsche Sand
Und seine Stätte findet.

 

Ein Schreck, wie wenn am Ufer der Fließsand die Füße gleiten lässt und man hinfällt, plötzlich während man noch „sich spiegelt, lächelt, trinket“. Wie unterm Damokles-Schwert, wie eine kalte Wolke mich erschauern lässt. Man könnte sagen mit Luther „Mit uns´rer Macht ist nichts getan…“.

O Retter, Retter, der auch für
Die Thoren litt,
Erscheine, eh die Welle mir
Zum Haupte glitt!
Greif aus mit deiner starken Hand;
Noch kämpf ich gen die Wogen;
So manchen hast du ja ans Land
Aus tiefem Schlamm gezogen!

 

Jetzt, wo die Füße keinen Halt finden, ruft die Dichterin zum Retter (Christus), der auch für die Menschen schwachen Glaubens gestorben ist. Ich bin ins das Wasser gerutscht und kann mich nicht allein daraus holen. Hilf mir so, wie du schon anderen geholfen hast (wohl eine Anspielung an den  kleingläubigen Petrus)!

Hab´ ich dem Schlamme mich entwirrt
So ganz und recht,
Dann erst zu deinem Bildnis wird
Die Sehnsucht echt;
Denn darf ich lieben stark, gesund,
Ohn alle Schmach und Hehle,
Aus meines ganzen Herzens Grund
Und meiner ganzen Seele.

Stehe ich dann wieder auf eigenen Füßen, die festen Grund gefunden haben, dann weiß ich, dass ich diese Rettung erfahren habe, dann habe ich die Fähigkeit zur Liebe ohne „Schmach“ und aus ganzer Seele, und so verlasse mich „Aus meines Herzens Grunde, sag ich dir Lob und Dank“ (Gotteslob 669, eg  443)

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