Anstelle einer Rezension. Christoph Fleischer - Werl 2009
Zu: Klaus-Peter Jörns Mehr Leben, bitte! Zwölf Schritte zur Freiheit im Glauben. Gütersloher Verlagshaus 2009, ISBN 978-3-579-08048-2, 19,95 Euro
Klaus-Peter Jörns schreibt im Vorwort des Buches „Mehr Leben, bitte!“, das eher eine apologetische Grundlegung genannt werden müsste (11 Seiten), folgende Sätze:
„Jede Generation muss neu herausfinden, was ihr von dem Überlieferten hilft, den Weg zu Gott und mit Gott zu finden, und was nicht. Das haben uns die großen Propheten Israels vorgemacht. Mir wegen meiner theologischen Kritik an einigen biblischen Vorstellungen und Metaphern ‚Antijudaismus‘ oder ‘Israel-Ferne‘ vorzuwerfen, widerlegt meine Argumente jedenfalls nicht, sondern ist vor allem diffamierend und heißt, die theologische Fassung der von Martin Walser so genannten ‘Auschwitz-Keule‘ zu schwingen.“
Ganz ohne weiteren Kommentar zum o.g. Buch möchte ich zu dieser Aussage ein Zitat von Martin Walser setzen, das ich im Kursbuch 1 (Suhrkamp Frankfurt/Main 1965) gefunden habe. Es stammt aus Walsers Aufsatz „Unser Auschwitz“, zuerst erschienen in der Frankfurter Abendpost am 13./14. März 1965: „Geht mich Auschwitz überhaupt nichts an? Wenn in Auschwitz etwas Deutsches zum Ausdruck kam, was ist dann in mir das Deutsche, das dort zum Ausbruch kam? Ich verspüre meinen Anteil an Auschwitz nicht, das ist ganz sicher. Also dort, wo das Schamgefühl sich regen, wo Gewissen sich melden müsste, bin ich nicht betroffen. Nun fällt es mir immer schwer, das Deutsche in meinem Wesen herauszufinden. … Und trotzdem soll ich mich jetzt, Auschwitz gegenüber, hineinverwickelt sehen in das großdeutsche Verbrechen.“ (S. 197).
Wir spüren hier also schon so etwas wie Abstand, der aber hier dem Zeugen der Auschwitz-Prozesse Walser auch vom öffentlichen Umgang mit Auschwitz geschuldet ist, über den er selbst berichtet. Nur die öffentliche Distanzierung von den Tätern als „Teufel“ machte es damals der Presse möglich, die ungeheuren Berichte des Leidens der Opfer zu vermitteln (vgl. zur Wirkung dieser Öffentlichkeit auch den Vortrag von Dorothee Sölle auf dem Kölner Kirchentag 1965, Kirche ist auch außerhalb der Kirche). Martin Walser schreibt weiter: „Die idealistischen Denkkünstler, inländischer und ausländischer Herkunft, haben seit 1945 hilfreich bewiesen, dass es keine Kollektivschuld gebe. Dieser Beweis macht einem Idealisten keine Mühe. Er liebt es, seine Vorstellung von personaler Verantwortlichkeit so hoch wie möglich zu schreiben. Er will etwas verlangen können vom Menschen. Vom Einzelnen. Vom Individuum. Dieses Unteilbare sei willensfrei, findet oder verfügt der Idealist. Wie sehr zusammengesetzt aus biologischer und politischer Geschichte so ein Individuum ist, spielt da keine Rolle. Keine Rolle darf spielen die Erfahrung unser Idealisten von 1918 bis heute, die zeigt, welche grotesk verschiedenen Haltungen das unteilbare Individuum kurz nacheinander (oder sogar gleichzeitig) einnehmen kann.“ (S.197f)
Hätte Martin Walser 1965 gedacht, das solches Zitat einmal auf ihn, und die, die ihn zitieren, selbst zutreffen würde? Diese Frage sollte sich nicht nur Klaus-Peter Jörns stellen, sondern alle, die sich an der „Sühnopfer“-Diskussion beteiligen.
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