„Zeige deine Wunde“ - Heiner Stachelhaus über Joseph Beuys

Quelle: Heiner Stachelhaus, Joseph Beuys, Heyne Biographie Nr. 12/236 München 1993 (zuerst Düsseldorf 1987) S. 191 ff

„Eine Öffentlichkeitsrummel gewaltigen Ausmaßes entfachte das Environment ‚zeige deine Wunde‘, das Beuys am 22. Und 23. Januar 1980 in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München, aufbaute. Die Münchner Galerie Schellmann & Klüser hatte dieses Werk Anfang 1976 im Kunstforum der Fußgängerunterführung Maximilianstraße/Altstadtring gezeigt – ohne nennenswerte Resonanz. Erst als die Städtische Galerie dieses Environment 1979 erwarb und der Preis dafür 270000 Mark – bekannt wurde, brach die Hölle los – ungeachtet der Tatsache, dass die Hälfte dieser Summe aus dem Jahresankaufsetat des Lenbachhauses aufgebracht und die andere Hälfte von privaten Stiftern bestritten wurde. Die Medien waren voll damit beschäftigt. Es hagelte Proteste von Bürgern. Das Urteil ‚Entartung‘ lag in der Luft. Politiker kämpften um Positionen und Profil. In den Leserbriefspalten der Zeitungen spielten sich wahre Dramen ab. …
Das Stück ‚zeige deine Wunde‘ ist ein Todesstück, Versinnbildlichung des ‚memento mori‘. Es ist abstoßend und anziehend zugleich. Beuys hat fünf Doppelobjekte zusammengebracht: 1. Zwei Werkzeuge aus Holzstielen mit Köpfen aus geschmiedetem Eisen und den Stempeln Braunkreuz und Hauptstrom, sie lehnen mit den Köpfen aneinander an einer zweiteiligen, weiß gestrichenen Holzplatte an der Wand; 2. Zwei Schultafeln, auf denen in Kreide in kindlicher Schrift der Satz ‚zeige deine Wunde‘ steht; 3. Zwei Betten – diese in ihrer Wirkung vielleicht nachhaltigste Gruppe besteht aus zwei alten Leichenbahren aus der Pathologie, zwei ‚Lampen‘ genannten Kästen aus verzinktem Eisenblech mit einer Glasscheibe, die von hinten mit Fett bestrichen ist, ferner aus zwei Zinkblechkisten, die mit Fett gefüllt und mit je einem Fieberthermometer und mit einem Reagenzglas ausgestattet sind – die beiden Reagenzgläser enthalten je das Skelett eines Drosselschädels. Zu dieser Bettengruppe gehören schließlich noch zwei Weckgläser, die mit Gazefilter abgedeckt sind; 4. Zwei Feldzeichen – das sind Forken aus Eisen und einem Holzstiel, um die je ein buntes Halstuch gebunden ist. Sie stehen auf zwei Schiefertafeln, in die mit den Zinken Halbkreise eingeritzt wurden; 5. Zwei Streifbandzeitungen – dabei handelt es sich um das linke italienische Blatt ‚La Cotta Continua‘ (Der Kampf geht weiter), Adressat Joseph Beuys. Die Zeitungen sind in verglaste, weiß gestrichene Holzkästen montiert.
In einem Interpretationsversuch hat Armin Zweite, der Direktor der Städtischen Galerie, auf den ‚Zusammenhang mit der Evokation des Todes‘ hingewiesen – Appell ‚zeige deine Wunde‘ ziele auf eine empfindliche Seite im Menschen: ‚Verdrängung scheint hier die gängige Antwort. Auf die Frage, warum das so ist, wurden die verschiedensten Antworten gegeben… Die Leichenbahren heben ins Bewusstsein, was tabu zu sein hat. Die Begegnung mit dem Tod, auch in dieser objektivierten, in direkten Form, kommt dem Eingeständnis eigener Ohnmacht angesichts des Schrecklichen, aber auch der Unfähigkeit zu adäquater Reaktion gleich.“ Zweite zitiert Beuys, der auf die Frage, was er mit diesem Environment eigentlich sagen wolle, geantwortet habe, dass es ihm primär darum gegangen sei, ‚die Todeszone sichtbar zu machen, auf die sich die heutige Gesellschaft mit rasender Geschwindigkeit zubewegt.‘…“


(Anmerkung zur Ansicht: Der Weblink im Begriff Zeige deine Wunde“ bei Wikipedia funktioniert nicht, bzw. nur bei internem Zugang. Einfach den das Stichwort „zeige deine wunde“ bei google.de eingeben und Bildersuche aktivieren!)

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