Predigt von Superintendent Hans König, Soest über 1 Petr 5,5b-11

anlässlich der Pfarrklausur am 7. September 2010 in Lippstadt-Benninghausen

Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. 6 So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. 7 Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.

8 Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. 9 Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen.

10 Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. 11 Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

So einfach ist das also:

Da sagt jemand, ich solle einfach meine Sorge auf Gott werfen, ihm alles übergeben und überlassen – dann sei alles in Ordnung.

Da sagt jemand, Hochmut komme vor dem Fall und die Demut trage am Ende den Sieg davon.

Und schließlich sagt da jemand, ich könne dem Teuflischen in der Welt Widerstand leisten; Gott werde mir dazu schon die nötige Kraft geben.

Ziemlich gewagte Behauptungen sind das!

 

Sorglos werden und sein zu können – alle Sorge abgeben zu können …

… manchmal wünsche ich mir das, wenn alles auf einmal kommt –

  • beruflich
  •  privat
  • und überhaupt …

… manchmal wünsche ich mir das, wenn nicht mehr ich zuständig wäre, sondern eine andere, höhere Instanz, Gott …

…wenn ich die Gewissheit hätte: bei ihm ist alles gut aufgehoben, er wird alles regeln und ins recht Lot bringen.

 

Aber irgendwie habe ich Schwierigkeiten, diese Entlastungsmöglichkeit einfach anzunehmen oder auch nur nachzusprechen, weil ich ja glaubwürdig sein und bleiben möchte:

            „All eure Sorgen werfet auf ihn, denn er sorget für euch“?!

Das mit dem Hochmut in unserem Text verstehe ich gut. Der Satz gefällt mir.

 Die Hochmütigen, die immer alles besser wissen und so unglaublich sicher sind, die auf die anderen herab schauen und so tun, als sei alles so klar und eindeutig und selbstverständlich, - die sollen also den Kürzeren ziehen.

Das hört sich gut an; vielleicht spielt auch ein wenig Schadenfreude mit – wer weiß!?

Nur eines stimmt mich nachdenklich: die Hochmütigen, das sind eigenartiger Weise immer die anderen.

 

Die Demütigen, so wird gesagt: die haben die richtige Haltung; die können mit der Gnade Gottes rechnen.

Gut, irgendwie haben die Demütigen meine Sympathie. Vielleicht bin ich auch einverstanden, weil hier von einer Art ausgleichender Gerechtigkeit gesprochen wird.

Aber dann überlege ich: wenn die Kleinen groß werden, werden sie sich dann nicht wieder so benehmen wie die Großen vor ihnen? Wir kennen das ja, dass Macht und Erfolg Menschen sehr verändern können. – Und manchmal ist Demut auch so eine Art Trick, um andere beherrschen zu können.

 

Ich bin da sehr skeptisch, was den Hochmut und die Demut anbetrifft – und Unmut mach sich breit; und ich halte nichts von Rezepten, die das Leben angeblich so einfach machen:

  • du musst nur positiv denken
  • du musst nur in dir ruhen
  • du musst nur alle Sorge auf „ihn“ werfen.

Dem „Teuflischen“ widerstehen – das hört sich ja gut an.

Aber: was heißt das konkret?

  • Ist es richtig, dass die Neonazis am vergangenen Wochenende ihren Demonstrationsumzug machen dürfen, weil so das Abgründige ans Tageslicht kommt – oder …?
  • Ist es richtig, dass die Thesen von Herrn Sarazin (ich glaube, der Name ist nicht typisch deutsch) zur Zeit so vehement diskutiert werden, weil
    • das Thema ansteht
    • sowieso jeder seine eigene Statistik fälscht
    • 70% der Bevölkerung seiner Meinung sind?

 

Steckt der Teufel da im Detail oder im Grundsatz und der Haltung … oder …?

 

„Der Gott aller Gnade, der euch in seiner Herrlichkeit in Christus Jesus berufen hat, der wird euch, die ihr eine kurze Zeit leiden müsst, aufrichten, stärken, kräftigen und auf einen festen Grund stellen.“

 

Wie kurz ist eigentlich eine „kurze Zeit“?

Was sollen wir den Menschen sagen, wenn sie uns danach fragen oder auch schon resigniert haben und gar nicht mehr danach fragen?

Ob ausgesprochen oder nicht – Sie bekommen diese Fragen zu hören: bei Besuchen in den Wohnungen der Menschen oder auf der Intensivstation im Krankenhaus oder im Lehrerzimmer und anderswo …

 

Und ich stelle mir vor, ich würde jene Behauptungen aus dem 1 Petr-Brief einfach so vollmundig weiter geben

  • im Krankenhaus, wo ein junger Mann Angst hat vor der Wahrheit, die er ahnt; und ich würde ihm sagen „alle Sorgen werfet auf ihn“
  • oder einer jungen Lehrerin, die sich jeden Morgen fürchtet, in die Schule zu gehen
  • oder dem 13jährigen, der unter keinen Umständen mehr eine ‚5‘ mit nach Hause bringen darf
  • oder dem, der keine Lehrstelle gefunden hat
  • oder der Frau, die sich vor ihrem gewalttätigen Ehemann fürchtet
  • oder dem Angestellten, den man spüren lässt, dass er zum alten Eisen gehört
  • oder …

Ich weiß, dass ich bei all diesen Menschen keine Chance habe mit „all eure Sorgen werfet auf ihn“; es würde als Verdrängung, Vertröstung, Verharmlosung, Vermeidung, als fromme Wirklichkeitsferne, als religiöser Hochmut empfunden.

Ich glaube dem Verfasser des 1 Petr ja, dass Gott in unserem, in meinem Leben wirksam sein will. Aber gerade weil ich das glaube –  gerade deshalb dürfen wir nicht alles auf ihn abwälzen und Gott einen ‚guten Mann‘ sein lassen.

Ich höre von der Botschaft des Evangeliums her schon den Auftrag, dass ich zuständig bin, dass ich nicht fragen kann „Wer ist denn mein Nächster?“, sondern: „Wem bin ich Nächster?

Und ich höre, dass Gott mich braucht: mich mit meinen Gaben und Fähigkeiten, mit meinen Händen, meinen Worten, manchmal auch mit meinem Schweigen und meinen Tränen.

Und das ist nicht immer ganz leicht und geht nicht ohne Sorgen ab; das weiß ich wohl.

Wenn wir unsere Sinne schärfen lassen durch die Botschaft des Evangeliums,

  • dann fällt uns etwas ein oder auf
  • dann geht ins uns etwas vor
  • dann lässt uns etwas nicht zur Ruhe kommen
  • dann geschieht etwas mit uns
  • kommt uns etwas in den Sinn, bringt uns in Bewegung.

Und dann kann es wohl geschehen, dass wir nicht die Sorglosigkeit leben, sondern dass

  • wir plötzlich anhalten und aussteigen,
  • wir eine Hand länger halten als gewöhnlich
  • wir eine Lüge eine Lüge nennen und Widerstand leisten
  • einen Brief schreiben
  • auf etwas verzichten
  • schweigen, wenn alle reden
  • einen Menschen nicht verloren geben
  • um Verständnis werben
  • oder …

Vielleicht, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, würde der Schreiber des           1 Petr-Briefes mir jetzt sagen:

  • Ja, so habe ich das gemeint.
  • So, auf diese Weise hilft Gott.
  • So stärkt, so kräftigt er,
    •  indem er Menschen ganz heftig oder oft auch behutsam umdreht
    • sie aufmerksam werden lässt,
    • auf bestimmte Gedanken kommen lässt …
    • sie in Bewegung bringt

… denn das Ziel der Bemühungen Gottes ist ja nicht, die Menschen klein und unterwürfig zu machen, sondern: sie „aufrichten, stärken, kräftigen, gründen“.

 

Dreimal ist in unserem Text von „Demut“ die Rede. Ich weiß nicht, was Sie mit diesem Wort verbinden und was Sie unter einem ‚demütigen Menschen‘ verstehen.

In unserer Sprache kommt „Demut“ von „Dienstmut“: jemandem einen Dienst zu erweisen, das braucht oft Mut (das sollten manche ‚Minister‘ beherzigen).

Mir ist das deutlich geworden, wenn ich das Gleichnis vom barmherzigen Samariter mit Konfirmanden in der Form einer Gerichtsverhandlung gespielt habe, wo jeder der Angeklagten (Priester und Levit) einen Anwalt zur Seite hatte. Und diese Anwälte hatten immer leichtes Spiel bei der Verteidigung ihrer Mandanten, wenn sie darauf hinwiesen, wie unsicher die Gegend war, man mit allem rechnen musste und dass es nur eine gestellte Situation sein konnte, um sich über die dann helfenden Personen herzumachen.

Ja, es braucht Mut, Demut, Dienstmut …

  • um nicht vorüber zu gehen, sondern hin zu gehen (verräterisch: „ich komm‘ Morgen ‘mal vorbei“)
  • um nicht eigene Bilder zu verfestigen, sondern zuzuhören und hinzuhören

Ob das alles immer zielführend ist – diese Sorge können wir getrost Gott überlassen und auf ihn „werfen“. Er hat zugesagt, dass darauf sein Segen liegt.

Und da sollten wir ihn beim Wort nehmen.

Amen.

 

 

 

 

 



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