Wo ist euer Glaube? Matthias Surall, Paderborn 2009

Der Monatsspruch für Februar steht in Lukas 8, 25: „Wo ist euer Glaube?"
Das ist eine Frage Jesu, die - auf uns bezogen - etwas Verunsicherndes, ja auch Beschämendes an sich hat. Warum fragt Jesus nach unserem Glauben? Doch wohl deshalb, weil davon nicht genug zu sehen, zu spüren ist. Wenn mein, wenn unser Glaube stark genug wäre, dann würde sich diese komische Frage Jesu ja wohl erübrigen oder? Und überhaupt: das ist doch irgendwie peinlich, wenn ich so direkt nach meinem Glauben gefragt werde. Haben wir nicht erfolgreich gelernt und verinnerlicht, dass alles, was mit dem Glauben zu tun hat, reine Privatsache, eine Angelegenheit unserer Intimsphäre ist?! Und jetzt diese direkte, ja geradezu schamlose Frage: „Wo ist euer Glaube?"

Jesu Frage gilt ursprünglich seinen Jüngern und hat ihren Ort, ihren Sitz im Leben in der Geschichte von der Stillung des Sturmes, die wir jetzt hören:
... (LK 8, 22-25)
„Wo ist euer Glaube?"
Dass Jesus so oder ähnlich die verängstigten Jünger fragt, kommt gar nicht selten vor in den Evangelien. Einige Male wird Jesus gar noch drastischer und nennt seine Jünger ganz unverblümt „kleingläubig". Wirklichen Glauben scheint er oft nur bei Fremden jenseits seines eigenen jüdischen Volkes gefunden zu haben - ich denke und erinnere an den römischen Hauptmann von Kapernaum und an die kanaanäische Frau.
Doch ist Jesus hier fair? Haben die Jünger in Anbetracht des Sturmes, der das Schiff in arge Bedrängnis bringt, nicht allen Grund zur Furcht? Ist es nicht gelinde gesagt seltsam, dass Jesus seine berechtigterweise verängstigten Jünger auch noch in leicht pädagogisch angehauchter Manier anpflaumt: Haben die Jünger das nötig, mitten in ihrer existentiellen Not als Kleingläubige geradezu diffamiert zu werden?
Was Jesu Anhänger nötig haben, was in dieser Geschichte Not tut, das ist doch wohl etwas anderes - nämlich tatkräftige Hilfe! Ja, keine Frage: konkrete Hilfe ist angesagt, tut Not, jetzt hier im hohen Wellengang, mitten im Sturm, auf schwankender, tosender See! Und das Entscheidende an der Geschichte ist, dass Jesu Jünger genau die Hilfe von ihm erfahren, die sie zum Überleben brauchen!
Jesus fragt zwar nach dem Glauben seiner Anhänger, hilft ihnen aber nichtsdestotrotz und beruhigt den Sturm. Jesu Jünger haben einen schwachen Glauben - keine Frage. Aber sie suchen die notwendige Hilfe genau da, wo sie zu suchen und zu finden ist: bei Jesus. Damit wird deutlich, dass sie bei aller Glaubensschwäche, bei allen Glaubenszweifeln doch ohne Frage an Jesus festhalten - und dies entscheidet die Geschichte, dies bringt ihnen die Hilfe, den Beistand Jesu ein.

„Wo ist euer Glaube?"
Auch auf uns heute bezogen lässt sich nicht leugnen, dass Jesus allen Grund hat, uns nach unserem Glauben zu fragen. „Wo ist euer Glaube?" Wo ist er zu finden - jetzt am Ende dieses Semesters? Wo war euer Glaube in diesem Semester, hier in der ESG und in unser aller je persönlichem Leben? Was macht euren Glauben aus? Wo lässt er sich festmachen? Wo ist euer Glaube zu spüren? Wo ist etwas von eurem Glauben auch für andere zu erfahren?
„Wo ist euer Glaube?"
Ich verstehe diese Frage Jesu nicht inquisitorisch oder moralisch - frei nach dem Motto: wirst du jetzt endlich glauben, wenn ich es von dir erwarte! Vor dem Hintergrund der kleingläubig-schwachen und ängstlich-zweifelnden Jünger in unserer Geschichte, die dennoch Jesu Hilfe erfahren, vor diesem Hintergrund denke ich, dass auch unser Glaube keinerlei Leistungsmerkmale erfüllen muss!
Wir dürfen zu unseren Zweifeln stehen, ja sie auch ihm gegenüber äußern. Niemand von uns muss die Schwierigkeiten, die er oder sie mit dem Glauben hat, gefälligst verschweigen. Wir brauchen keine Leistungskriterien zu erfüllen, an denen sich unser Glaube messen lassen müsste. Vielmehr dürfen wir stattdessen Ernst damit machen, dass unser Glaube eine Adresse, einen Anhaltspunkt, einen Erfahrungshintergrund braucht.
Was das sein kann, so ein Anhaltspunkt unseres Glaubens mitten im Zweifel und Kleinglauben, das möchte ich mit einem Song von Nick Cave aus dem Jahre 1997 verdeutlichen. Der Song heißt "Into My Arms" und findet sich auf dem Album "The Boatman's Call". Ich spiele ihn jetzt vor ...
Offensichtlich hat NC so seine Probleme mit dem Glauben. Er glaubt weder daran, dass Gott mal so eben mir nichts dir nichts in diese Welt eingreift noch glaubt er an die Existenz von Engeln. Aber unabhängig von der Frage, ob das zwei entscheidende Kriterien für einen wie auch immer wahren christlichen Glauben sind, ist NC doch offensichtlich gar nicht ganz so sicher, wenn es um diese Glaubensunsicherheiten geht! Will sagen: da ist etwas, was ihn an seinen eigenen Zweifeln zweifeln lässt. Genauer, da ist jemand, die ihn verunsichert in seinen sonst eher festen Überzeugungen. Ganz genau: die Frau, die er liebt, lässt ihn das Leben und das Glauben neu erleben!
Die Liebe hat - wie fast immer bei Nick Cave - eine spirituelle Dimension. Liebe und Glaube gehören zusammen. Und zwar genau so wie es hier in diesem bewegenden Song deutlich wird: Ich kann nicht lieben und Liebe erfahren, ohne dadurch auch zum Glauben zu kommen, ohne dass diese Erfahrung von Liebe nicht auch meinen Glauben an Gott positiv beeinflusst!
Anders gesagt: Wer geliebt wird und liebt, ist nahe dran am Glauben, kann nicht so tun, als ob der Glaube für ihn und sie überhaupt nicht in Frage käme.
Ein Beispiel hierfür aus dem Song: wenn ich liebe, dann ist es nur natürlich, für die von mir geliebte Person auf die Knie zu fallen und zu beten - auch wenn ich sonst vielleicht nicht zu den Menschen gehöre, die regelmäßig zu Gott beten. Aber die Liebe lehrt mich beten, denn jede echte Liebe weiß immer auch um die Gefährdung ihrer selbst und der geliebten Person!
Weiter: wenn ich liebe, einen anderen Menschen so intensiv liebe wie Nick Cave das hier besingt, dann kann ich unmöglich rein rationalistisch die Existenz höherer Wesen wie Engel leugnen - das geht unter diesen von Nick Cave geschilderten Umständen offensichtlich gar nicht!
„Wo ist euer Glaube?"
Die Frage Jesu lässt sich so beantworten: Unser Glaube ist dort, wo er einen konkreten Anhaltspunkt, einen Erfahrungshintergrund hat und sein eigen nennen kann: wo ich Liebe erfahre, persönliche Liebe - weiß Gott nicht nur, aber manches Mal allerdings auch in erotischer Hinsicht! Mein Glaube ist da, wo ich geliebt werde und liebe - wo es Menschen gibt, deren Liebe zu mir die Liebe Gottes zu mir, zu uns allen durchscheinen lässt.
„Wo ist euer Glaube?"
Auf unsere ESG und dieses zu Ende gehende Semester bezogen dieser letzte Versuch einer Antwort: Unser Glaube ist dort zu finden, wo wir Erfahrungen mit der Liebe machen und diese Erfahrungen mit Gott in Verbindung bringen. Wo unser Glaube Nahrung bekommt durch das Erlebnis, hier in der ESG willkommen und geachtet zu sein, wertgeschätzt zu werden, hier wichtig zu sein, ernst genommen zu werden, hier Freude auszulösen durch mein Kommen und Mittun - und all das völlig unabhängig von irgendwelchen Leistungsnachweisen und Bonuspunkten.
Ich hoffe, dass ihr beim Rückblick auf dieses WS in dieser unserer, euerer ESG sagen könnt: Ja, ich habe mich angenommen und wohl gefühlt. Ich habe Gemeinschaft in dieser Gemeinde erlebt und Anteilnahme. Auch ich war wichtig und persönlich bekannt - dieser Studierendengemeinde und damit dann auch Gott!
Wo ist unser Glaube? Da, wo wir hoffentlich solche Erfahrungen machen, solche Erfahrungen der Gemeinschaft, des Angenommenseins und der Liebe! Da, wo wir uns von Menschen vor allem aus der Bibel erzählen lassen, die vor uns schon solche Erfahrungen gemacht und auf Gott hin gedeutet haben. Da, wo wir auch auf die Menschen der Bibel hören, die in Anfechtung, Zweifeln und Leiden Gott festgehalten haben so wie die Jünger in und trotz all ihrem Kleinglauben an Jesus festhalten, als der Sturm auf dem See losbricht.
Wir sind und bleiben „eingeladen zum Fest des Glaubens" - auch wieder im Sommersemester, auch und gerade dann, wenn wir - wie in dem Lied zu lesen und zu singen - „eher skeptisch, zögernd und verlegen" sein sollten. Denn für unseren Glauben gibt es keine Leistungskriterien oder -nachweise, aber eine herzliche Einladung und hoffentlich einiges an Anhaltspunkten! Und vor allem: einen, an den wir uns halten dürfen - komme, was da wolle. Amen.
Nick Cave - Into My Arms

I don't believe in an interventionist God
But I know, darling, that you do
But if I did I would kneel down and ask Him
Not to intervene when it came to you
Not to touch a hair on your head
To leave you as you are
And if He felt He had to direct you
Then direct you into my arms

Into my arms, O Lord (3x)
Into my arms

And I don't believe in the existence of angels
But looking at you I wonder if that's true
But if I did I would summon them together
And ask them to watch over you
To each burn a candle for you
To make bright and clear your path
And to walk, like Christ, in grace and love
And guide you into my arms

Into my arms, O Lord (3x)
Into my arms

But I believe in Love
And I know that you do too
And I believe in some kind of path
That we can walk down, me and you
So keep your candles burning
And make her journey bright and pure
That she will keep returning
Always and evermore

Into my arms, O Lord (3x)
Into my arms

Ich glaube nicht an einen Gott, der unmittelbar eingreift
aber ich weiß, Liebling, dass du es tust.
Doch falls ich es glauben würde,
würde ich auf die Knie fallen und ihn bitten,
nicht einzugreifen, wenn du an der Reihe wärst.
Dir kein Haar zu krümmen,
dich zu lassen, wie du bist.
Und wenn er glaubte, dich leiten zu müssen,
dann solle er dich in meine Arme führen.

In meine Arme, O Herr (3x)
In meine Arme

Und ich glaube nicht an die Existenz von Engeln,
doch wenn ich dich so ansehe, frage ich mich,
ob das vielleicht falsch ist.
Aber wenn ich an sie glaubte, würde ich sie alle versammeln
und sie bitten, über dich zu wachen,
auf dass jeder eine Kerze für dich entzünde
und deinen Weg erhelle und ebne,
damit du, wie Christus, in Gnade und Liebe wandertest
und in meine Arme geführt würdest.

In meine Arme, O Herr (3x)
In meine Arme

Aber ich glaube an die Liebe
Und ich weiß, dass du es auch tust.
Und ich glaube an eine Art Weg,
den wir, ich und du, beschreiten können.
Also lasst eure Kerzen brennen
Und macht ihre Reise hell und rein,
auf dass sie immer und ewig wiederkehre.

In meine Arme, O Herr (3x)
In meine Arme

Matthias Surall ist Studierendenpfarrer in der ESG Paderborn, Am Laugrund 3, 33098 Paderborn. Der Text ist das Manuskript einer Andacht vom Februar 2009. Die Übersetzung des Liedes ist von ihm selbst.

^ nach oben // Seite drucken // Seite als PDF speichern

Einen Kommentar schreiben

Einen Kommentar schreiben

Titel:
Ihr Name(*):
Email-Adresse:
EMail bei Antwort:
Webseite:
Kommentar(*):