Predigt über Lukas 16,19-31 - Vom reichen Mann und armen Lazarus - Rainer Grüber, Soest 2009
(Die gleiche Predigt ist in den Grand-Nord gegangen - in Französisch, nur die Anreden sind ersetzt!)
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.
Liebe Schwestern und Brüder in den Gemeinden des Kirchenkreises Soest!
Im Rahmen der Predigtordnung für die Evangelischen Kirchen in Deutschland predigen wir heute über Lukas 16,19-31, das Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus.
Hören wir das Gleichnis:
Vom reichen Mann und armen Lazarus
19 Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. 20 Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren 21 und begehrte sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre. 22 Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.
23 Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. 24 Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen. 25 Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet und du wirst gepeinigt. 26 Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.
27 Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; 28 denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. 29 Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. 30 Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. 31 Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.
Ja, das ist ein Gleichnis, das uns Lukas-Jesus erzählt. Aber oft ist über diese Geschichte gepredigt worden, als handle es sich dabei um eine Geschichte harter Fakten der äußeren Wirklichkeit.
- Es gibt wohl keine andere biblische Geschichte, die derart die allgemeine Vorstellung von Himmel und Hölle geprägt hat. Der Himmel als Ort der Sicherheit und Geborgenheit; im Deutschen sagen wir: Geborgen wie in Abrahams Schoß; und die Hölle als Ort des ewigen Feuers.
- Es gibt wohl keine andere biblische Geschichte, die so dazu gedient hat Menschen sich gedulden zu lassen auf das Jenseits. Gott wird dir das Böse, das du erlitten hast mit Gutem vergelten.
- Es gibt wohl keine andere biblische Geschichte, die so sehr dazu gedient hat, den Reichen ein schlechtes Gewissen und Angst zu machen, damit sie ihr Leben ändern. Vergeblich. Sie lesen weder Mose noch die Propheten, weder die Evangelien noch die Briefe. Sie haben ihre Ohren verschlossen und leben wie immer. Sie warten noch immer auf ein Wunder, das sie überzeugt.
Insgesamt: Ich kenne keine andere biblische Geschichte, die die Menschen so sehr lachen lässt oder weinen oder zynisch werden.
Wie kommen wir raus aus der Nummer?
1.) Lukas hat ja Recht mit seiner Frage nach Gerechtigkeit! Es ist eine Frage, wie die Güter dieser Erde verteilt werden. Es ist wirklich eine Frage, warum die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Das ist nicht nur eine Frage zwischen Norden und Süden. Das ist auch eine Frage mitten in unseren Ländern. Das ist eine Frage, die die Menschen in Deutschland wie in Kamerun betrifft. Bei uns und bei Euch gibt es Menschen, die Leben in Saus und Braus und andere, die können ihren Lebensunterhalt nicht verdienen obwohl sie den ganzen Tag arbeiten oder in der Nacht. Aber ohne Frage ist das in erster Linie eine Frage an die Christenheit, denn Lukas hat diese Geschichte für die Reichen in seiner Gemeinde aufgeschrieben, seine Schwestern und Brüder. Und noch ein bisschen näher: Die Frage nach Gerechtigkeit und nach der Verteilung der Güter ist auch eine Frage in unserer Partnerschaft.
Sind wir, die Partner im Kirchenkreis Soest, die Reichen, die die Rechnungen der Armen im Grand-Nord zu bezahlen haben? Oder sind es die Reichen in Kamerun?
Und was geschieht mit dem Geld, das transferiert wird? Und weiter: Macht das geschenkte Geld nicht abhängig statt unabhängig? Und: Verschleiert man mit dem geschenkten Geld nicht nur die Probleme, die strukturell bedingt und verursacht sind?
Aber das ist offensichtlich: Man kann das Problem der Ungerechtigkeit und der ungerechten Verteilung der Güter nicht lösen, indem man den einen die Hölle heiß macht und die anderen auf ein besseres Jenseits vertröstet. Weder die einen noch die anderen gewinnen bei diesem Spiel an Menschlichkeit; man kann das Problem nicht durch Gewalt lösen wie in Simbabwe, wo die reichen Weißen zum Abschuss frei gegeben sind, damit die Schwarzen das Land übernehmen können. Dabei verlieren beide Seiten. Man kann das Problem nicht lösen, indem man die Krümel verteilt, die von den reichlich gedeckten Tischen der Reichen fallen, das heißt mit dem Geld, was wir hier sammeln. Wo bleibt dabei die Würde? Die Würde der Nehmen und die der Geber.
Wie kommt man aus dieser Nummer raus?
Einige antworten mit der Phrase, denken zumindest so: Jeder für sich, Gott für uns alle, aber bitte schön, für uns ein bisschen mehr! Oder man antwortet mit einem Wort Jesu: Arme habt ihr allezeit bei euch und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun! Wenn ihr wollt! Wollen wir? Und wieder andere: Wir brauchen eine staatliche Regelung! Ein Existenzsicherndes Grundeinkommen für alle, wie es bei uns diskutiert wird. Es braucht einen strukturellen Wandel. Aber in einem kapitalistischen System? Ich glaub nicht dran!
Wie kommt man aus der Nummer raus?
2.) Ich versuche einen anderen Weg zu gehen, versuche das Gleichnis auf eine andere Art zu lesen, da es offensichtlich mit den gängigen Lesarten die Probleme nicht löst. Aber vielleicht will ich diese Probleme gar nicht lösen, die wir damit lösen möchten? Dann müssen wir entweder das Werkzeug austauschen, oder das vorhandene Werkzeug anders benutzen. Ich kann natürlich versuchen mit einem Hammer einen Computer zu reparieren, das kann ich versuchen! Aber normaler Weise benutzt man den Hammer um Nägel einzuschlagen.
Ich lese das Gleichnis auf eine andere Art, weil ich auch glaube, dass wir Menschen mehr brauchen als Moral. Etwas, das uns unter die Haut geht, uns von innen her heilt, uns die reichen Armen und die armen Reichen.
Daher versetze ich das Gleichnis von außen nach innen, aus der Zukunft in die Gegenwart, auch wenn dadurch die Geschichte an moralischer Schlagkraft verliert. Ich nehme sie wie einen Spiegel, indem ich mich und mein Leben betrachte, und vielleicht finde ich ja den Schatz im Acker. Aber das ist klar, man kann diese Geschichte nur für sich selbst lesen, nicht um sich oder andere damit zu prügeln, oder sich selbst und anderen eventuell ein gutes Gewissen zu machen.
Und ich finde diesen Reichen ohne Namen und diesen Armen mit dem Namen Lazarus wieder in meinem eigenen Leben. Als wären es zwei Seiten einer Person, auf der einen Seite der Reiche und auf der anderen Lazarus. Der Reiche, er kommt mir vor wie unser Schaufenster, indem wir alles auslegen, was wir haben, können, wissen usw. damit wir uns sehen lassen können unter den Augen der anderen. Und Lazarus als den Teil unseres Lebens, den wir bedeckt halten, weil er nicht präsentabel ist. Nicht vorzeigbar, blamabel! Aber die Geschichten von Jesus holen gerade diese Seiten ans Licht, die wir hochmütig übersehen.
„Das ist doch keine Theologie" höre ich sie sagen. „Ja und", sage ich. „Das ist zu kompliziert, zu psychologisch", sagen sie und ich sage: „Vielleicht, aber so ist unser Leben; selten so einfach, wie wir es möchten!" „Das löst doch nicht die wirklich dringlichen gesellschaftlichen Probleme; die wirklichen Probleme, das sind Ungerechtigkeit, das ist Hunger, das ist Durst!" „Ja sage ich, das ist das Problem, der Hunger und der Durst! Das ist das Problem der Reichen und der Armen. Sie haben Hunger und Durst ihr Leben lang bis zum Tod. Aber wer und was stillt ihren Hunger.
Die Psychologie hat heraus gefunden, und wir könnten es lernen, dass der nach außen getragene Reichtum dazu dienen soll, die innere Armut auszugleichen, dass wir die inneren Mängel, die eingebildeten und die wirklichen, ersetzen durch den Reichtum an Gütern, an Moral, an Intelligenz, an Körperstärke, durch alles von dem wir denken, das macht mich präsentierbar; und wir treiben das bis zu dem Punkt, an dem wir die Schatten in unserem Leben überhaupt nicht mehr wahr nehmen. Wie aber, es wäre vor Gott nicht nötig sich seiner Nacktheit zu schämen?
Und so auch mit dem Himmel und der Hölle, von außen nach innen gezogen, aus der Zukunft in die Gegenwart. Der Himmel und die Hölle als Teile der sichtbaren Welt sind Vorstellungen des antiken, apokalyptischen Weltbildes - und man kann sagen, eines vergangenen Weltbildes. Und anstatt diese Weltanschauung in ihrer Äußerlichkeit als christliche Wahrheit noch und noch zu wiederholen, käme es darauf an, aufmerksam zu werden auf die Beschreibung eines himmlischen und höllischen Lebens, die Jesus gibt.
Die Härte eines Herzens, die die Armut der Anderen gar nicht mehr wahrnimmt, weil es die eigene Armut nicht wahrnimmt, das ist die Hölle. Dem Reichen fehlt es anscheinend an Nichts, aber in Wahrheit fehlt ihm alles: Ihm fehlt die Menschlichkeit und die Mitmenschlichkeit, ihm fehlt die Wärme des Herzens, ihm fehlt die Liebe, und das ist die Hölle, hier und jetzt.
Und wenn er den Armen sieht und versucht ihm zu helfen, dann gibt er mit offenen Händen die Krümel, die von seinen überreich gedeckten Tischen fallen. Und wenn er gibt, dann gibt er kaltem Herzen. Er ist nicht berührt, angerührt!
Weltlich nennt man das soziales Engagement, in der Kirche nennt man das Patenschaften. Immer von oben nach unten, von denen, die haben zu denen, die nicht haben. Diese Leute wandern nicht in die Hölle, sie leben in der Hölle und bereiten sie anderen.
Der Himmel, das wäre sich seiner eigenen Armut inne zu werden, wie Martin Luther das mal gesagt hat: Ich bin ein Bettler, das ist wahr und ich führe ein Bettelleben, trotz allem, was ich habe. Sich das wenigsten vor Gott einzugestehen! Aber wenn vor Gott, warum dann nicht vor mir selber? Und wenn vor mir selber, warum dann nicht vor den Brüdern und Schwestern? Was kann man denn verlieren? Na gut, die gute Reputation, den guten Ruf! Und das ist das Wichtigste? Nein!
Diese Selbsterkenntnis bringt uns auf die Ebene der anderen Armen, nicht länger mehr von Oben nach Unten, sondern auf der viel beschworenen Augenhöhe. Der Himmel, das wäre sich seiner eigenen Armut und Bedürftigkeit bewusst zu werden.
3.) Aber wir haben die Angewohnheit, immer und immer noch, eins gegen das andere auszuspielen, die äußere gegen die innere Armut. So setzen wir Maßstäbe, so bestimmen wir Werte: Das Äußere ist allemal wichtiger als das Innere - wir sind veräußerlicht, das ist unser Problem, unsere Armut.
Da kann einer ein menschliches Wrack sein, aber wer hat alles wovon man träumen mag, und noch ein bisschen mehr: Ein schönes Auto, ein Haus, eine gute Anstellung mit guten Einkünften, eine schöne Frau, schöne Kinder, und dann sagt man: Der hat den Himmel auf Erden. Alles Bestens! Und da ist ein anderer, eine andere, eine menschliche Frau, ein menschlicher Mann, aber leider, ihm, oder ihr fehlt so vieles. Nein, nach unseren Maßstäben und unseren Werten kann es da nicht zum Besten bestellt sein.
Wie Martin Luther es in seiner Erklärung zum ersten Gebot im Großen Katechismus geschrieben hat: „Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat, verlässt und brüstet sich darauf so steif und sicher, dass er auf niemand etwas gibt... Wer Geld und Gut hat, der weiß sich sicher, ist fröhlich und unerschrocken, als sitze er mitten im Paradies; und wiederum, wer keins hat, der verzweifelt und verzagt, als wisse er von keinem Gott... Also auch, wer darauf traut und trotzt, dass er große Kunst, Klugheit, Gewalt, Gunst, Freundschaft und Ehre hat, der hat auch einen Gott, aber nicht diesen rechten, einigen Gott. Das siehst du abermal dabei, wie vermessen, sicher und stolz man ist auf solche Güter, und wie verzagt, wenn sie nicht vorhanden oder entzogen werden. Darum sage ich abermal, dass die rechte Auslegung dieses Stückes sei, dass einen Gott haben heißt: etwas haben, darauf das Herz gänzlich traut.
Schluss
Himmel oder Hölle, das ist die Frage, aber keine Zukunftsfrage, sondern eine Gegenwartsfrage, nicht zuerst eine Frage, die die Äußerlichkeit, sondern eine, die zunächst die Innerlichkeit betrifft, nicht zuerst eine Frage der Beziehung zu anderen, sondern der Beziehung zu mir selber. Und das ist der Weg auf dem man den Schatz im Acker seines Lebens findet und auf dem sich der Name des Lazarus bewahrheitet: Gott hilft!
Wie kommen wir raus aus der Nummer?
Als Christen können wir uns nicht aus der Affäre ziehen. Wie sind mitten drin mit unserem eigenen, ganzen Leben, mit unserem Reichtum und unserer Armut.
Ich habe Ihnen meine Sicht dieses Gleichnisses dargestellt, vorgestellt, eines Weißen aus Deutschland. Jetzt wäre es gut, darüber ins Gespräch miteinander zu kommen und uns darüber auszutauschen.
Amen.
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