Predigt mit Zitaten von Dorothee Sölle über die Gesellschaft der Räuber und Passanten - Christoph Fleischer
Lukas 10, 25 Da trat ein Gesetzeslehrer auf, um ihn zu versuchen, und fragte: »Meister, was muß ich tun, um ewiges Leben zu ererben?« 26 Jesus erwiderte ihm: »Was steht im Gesetz geschrieben? Wie lauten da die Worte?« 27 Er gab zur Antwort: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit aller deiner Kraft und mit deinem ganzen Denken« (5.Mose 6,5) und »deinen Nächsten wie dich selbst« (3.Mose 19,18). 28 Jesus sagte zu ihm: »Du hast richtig geantwortet; tu das, so wirst du leben!« 29 Jener wollte sich aber rechtfertigen und sagte zu Jesus: »Ja, wer ist denn mein Nächster?« 30 Da erwiderte Jesus: »Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel Räubern in die Hände; die plünderten ihn aus, schlugen ihn blutig, ließen ihn halbtot liegen und gingen davon. 31 Zufällig kam ein Priester jene Straße hinabgezogen und sah ihn liegen, ging aber vorüber. 32 Ebenso kam auch ein Levit an die Stelle und sah ihn, ging aber vorüber. 33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam in seine Nähe, und als er ihn sah, fühlte er Mitleid mit ihm; 34 er trat an ihn heran und verband ihm die Wunden, wobei er Öl und Wein darauf goß; dann setzte er ihn auf sein Maultier, brachte ihn in eine Herberge und verpflegte ihn. 35 Am folgenden Morgen holte er zwei Denare (= Silberstücke) heraus (aus seinem Beutel), gab sie dem Wirt und sagte: ›Verpflege ihn, und was es dich etwa mehr kostet, will ich dir bei meiner Rückkehr ersetzen.‹ 36 Wer von diesen dreien hat sich nun nach deiner Ansicht dem unter die Räuber Gefallenen als Nächster erwiesen?« 37 Jener antwortete: »Der, welcher die Barmherzigkeit an ihm geübt hat.« Da sagte Jesus zu ihm: »So gehe hin und handle du ebenso!«
Auf der Suche nach Gedanken zur Predigtvorbereitung fand ich ein kleines Bändchen mit dem Titel „Vom Nächsten“ (Hrsg. Von Walter Jens, DtV Verlag München 1984, zuerst Stuttgart 1973, danach auch erschienen im Buch von Dorothee Sölle, Sympathie, Stuttgart 1978).
Der kleine Aufsatz von Dorothee Sölle, „Die Gesellschaft der Räuber und Passanten“ beginnt mit der Beschreibung eines Arbeiters in einer französischen Metallfabrik. Aufgrund eines Arbeitsunfalls sind ihm verboten, schwere Lasten zu tragen. Die Kollegen glauben ihm erst, wenn er sein T-Shirt hochzieht und ihnen die Narben an seinem Rücken zeigt. Er kann nicht gekündigt werden, aber wird von einer Abteilung in eine andere versetzt. Und immer wieder das gleiche Spießrutenlaufen. Eine politische Meinung konnte er sich schon gar nicht leisten, so schreibt Dorothee Sölle: „Er war den Umständen völlig ausgeliefert. Er war das Opfer, ausgezogen, bedroht und gejagt. Auch das ist einige Geschichte von einem, der den Räubern in die Hände fiel. Jesu Erzählung spricht über das Verhalten von vier verschiedenen Gruppen von Menschen. Da gibt es Räuber und Opfer, da gibt es Vorübergehende und Helfer.“ Dorothee Sölle vergleicht die Geschichte des Arbeiters Viktor, die dieser auf einer Tagung erzählte mit den Worten Jesu und fragte sich, ob das Ziel wohl das gleiche ist: Jesus will herausfinden, auf welche Seite wir gehören.
Ich möchte nicht gleich weiterlesen, sondern mich zuerst fragen, was diese Herausforderung wohl bedeutet. Es ist schon auffällig, dass Jesus das Doppelgebot der Liebe hier ganz anders erzählt als in einem anderen Evangelium. Er lässt sich hier provozieren von der Frage des Schriftgelehrten: „Wer ist denn mein Nächster?“ Diese Frage lässt Jesus nicht gelten, denn die Geschichte hat allein den Zweck Jesus die Vorlage für eine andere Frage zu geben. Jesus stellt anhand des Gleichnisses die Frage: „Wer ist dem Überfallenen ein Nächster gewesen?“ Damit ist Jesus ein Anhänger der modernen Kommunikationsforschung. Ein jedes Mal, wenn wir uns einem Menschen gegenüber verhalten, sei es mit Worten, sei es mit Taten, oder gar nicht, zeigen wir damit unsere Nähe oder Distanz. Wenn wir so handeln, wir der Samariter, dann zeigen wir Nähe, dann sind wir menschlich nah und menschlich erkennbar. Strenggenommen heißt die Frage also nicht, auf welche Seite wir gehören, sondern an wessen Seite wir stehen. Zurück zum Gebot heißt das, dass die Seite des Nächsten die Seite Gottes ist.
Dorothee Sölle setzt mit einem anderen Beispiel fort. Dieser Bericht beschäftigt sich mit Akkordarbeiterinnen in einer Radiofabrik der siebziger Jahre. Aus diesem Bericht wird deutlich, dass man nur dann etwas mehr Stundenlohn und eine höhere Position bekommen kann, wenn man darauf verzichtet, den Arbeitsplatz zu wechseln. Die Akkordarbeiterin hat auch noch zwischendurch ihr Kind bekommen und ist, so schnell es ging, wieder an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt. Dass sie die Arbeit nur noch mit den Schmerzmitteln vollziehen kann, die im Seitenfach der Maschine stecken tut dann auch nichts mehr zur Sache, es gehört vielmehr dazu. Warum aber erzählt die Autorin von dieser Arbeiterin? Sie wendet sich auf einmal an die Leserinnen und Leser ihres Buches und stellt fest, dass diese, wahrscheinlich nicht in der gleichen Situation sind, wie die Akkordarbeiterin. Jetzt stellt es sich heraus, was sie damit sagen will. Sie geht zurück zur Geschichte vom barmherzigen Samariter. Vier Rollen kommen hier vor, die des Opfers, die der Räuber, der Passanten und die des helfenden Samariters. Dorothee Sölle stellt fest, dass sowohl dem Opfer als auch den Räubern nicht viele Sätze und Gedanken gelten. Es geht in der Hauptsache um die Passanten und um den Barmherzigen. Diese Alternative stellt Jesus dem vor Augen, der die Frage stellt: Wer ist denn mein Nächster. „Die Frage: „Wer aber ist mein Bruder?“ ist vielleicht die schrecklichste Frage, die einer stellen kann. Er muss sich vorher blind gemacht haben, denn wenn er nur kurze Zeit die Augen öffnete, könnte er so nicht mehr fragen. Er muss sich vorher taub gemacht haben, dass kein Schrei und kein Weinen an ihn kommt. Er ist das funktionierende Teilchen einer Maschine geworden, er kennt sich selber nicht, wenn er so fragt.“ Dorothee Sölle tut das einzig Richtige, denn sie stellt eine Beziehung her zwischen dem Gleichnis und dem vorhergehenden Gespräch Jesu mit dem Gesetzeslehrer. Dort ist schon das Entscheidende gesagt. „Tue das, und du wirst leben.“ Hier gibt es keine theoretische Wahrheit. Das ist auch die Wahrheit, die eine Religion verkündigt. Quer durch die Grenzen und Mauern zwischen den Religionen liegt der Weg zwischen Jerusalem und Jericho: Dort auf der Straße der Räuber und Passanten, der Opfer und der Fremden, geschieht das Verbrechen und ereignet sich die Nähe. Dort werden zwei Menschen einander zum Nächsten, die sich ihre Nähe und normalen Umständen gar nicht ausgesucht hätten. Allein diese Situation lässt sie zu Nächsten werden. Ein Nächster, das ist man nur unter mehreren, mindestens zu Zweit. Ein Nächster, dass ist man im Leben, Ort wo man unterwegs, auf dem Weg anderen begegnet. Wer sich die Hände nicht schmutzig machen will, wer nur wegsieht und vorbeigeht, der wird zum Mittäter. Er geht hinein in den Täter-Opfer-Zusammenhang und wiederholt ihn auf seine Weise. Doch viele meinen, in der Gesellschaft keine andre Alternative zu sehen.
Dorothee Sölle schreibt: „Die Gesellschaft, in der wir leben scheint oft nur noch zwei Möglichkeiten aus dem Modell Jesu offenzulassen: Räuber- oder Passant sein. Die Räuber- und Passantengesellschaft kann Menschen in Verzweiflung stürzen,…“ Ich meine Dorothee Sölle hat recht, wenn man zum Beispiel die Finanzkrise sieht: Wie oft sind dort aus Passanten Räuber geworden, und Räuber zu Passanten, und beide schon bald miteinander zu Opfern. Das ist nämlich die Gefahr auf dieser Straße, zwischen Jericho und Jerusalem, die einen Höhenunterschied von über 2000 Metern überwindet.
In einer anderen Geschichte wendet sich Dorothee Sölle einem Opfer der Justiz zu, einer Frau, die unschuldig in Untersuchungshaft genommen wurde und darunter gelitten hat. Sie magerte dort ab und wurde krank. Man unterstellte ihr, ein Mitglied der Bader-Meinhof-Bande gewesen zu sein. Bald wurde sie dort so krank, dass sie das Bett nicht mehr verlassen konnte. Auch wenn dieses Beispiel aus heutiger Sicht schwer nachzuvollziehen ist, hat Dorothee Sölle doch sehr recht damit, wenn sie schreibt, dass die Opfer verschwiegen und versteckt werden. Es gibt Menschen, die verstecken ihr Opfersein sogar vor sich selbst, sie wollen dies vergessen und verdrängen, anstelle sich diesen eigenen Erfahrungen zu stellen. Vielleicht verstecken sie ihr Opfersein sogar hinter einer Form von Ideologie, vielleicht einer falsch verstandenen Religion. Das sieht man auch an der Deutung des Gleichnisses. Die Deutung des Gleichnisses trennt das Gleichnis von dem zuvor geschriebenen Gespräch. Sie macht daraus ein Symbol oder eine Metapher, die ja auch ihr Recht hat. Jesus ist schon von Gott aus gesehen für uns so etwas wie ein barmherziger Samariter geworden. Er will aber nicht verehrt oder angebetet werden. Jesus will nur, dass diese Frage nicht mehr gestellt wird: "Wer ist denn mein Nächster?" Das bedeutet in der Auslegung: Gott sendet uns auf dem Weg, auf dem wir gehen, ständig unsere Nächsten. Es sind ja nicht nur Opfer, die am Weg liegen, es sind auch Menschen die uns helfen können, die uns in dem Arm nehmen können, die mit uns gemeinsam gehen können, umso vielleicht die Räuber abzuhalten. Der Weg ist die Botschaft, und der ist bei jedem von uns anders. Die Frage: „Wer ist denn mein Nächster?“ führt Menschen in die Abgrenzung, in die Unterscheidung, ja letztlich in die Feindschaft. Manche fragen, ob Muslime unsere Nächsten sind, da sie einer anderen Religion angehören. Jesus würde fragen: Wer bist du auf dem Weg deines Lebens Räuber oder Passant, Opfer oder Nächster.
Dorothee Sölle schreibt zum Schluss: „Die Geschichte vom Samariter ist tröstlich und schön. Schon der dritte, der vorüber ging, erwies sich als ein Mensch. Wenn ein Drittel der Bevölkerung in unsrem Lande so handelte wie er, könnte es diese Art von Akkordarbeit und von Untersuchungshaft nicht mehr geben.“
Dorothee Sölle hat ein Problem. Sie richtet ihren Blickwinkel zu sehr auf die Politik und die Wirtschaft. Es gibt natürlich auch für uns noch Grund zu resignieren, wenn wir auf die Politik und die Wirtschaft sehen. Und in dieser Hinsicht mag es durchaus auch so sein, dass wir nur noch zwischen Passantentum und Räubersein zu wählen haben. Wenn wir uns nicht die Freiheit nehmen, uns selbst anders zu bestimmen. Diese Freiheit hat Dorothee Sölle ignoriert. Diese Freiheit ist keine Illusion, denn sie erkennt in der Welt der Räuber und Passanten noch mehr als nur schwarz und weiß. Der Schwarz-Weiß-Film bekommt auf einmal Farbe und wird bunt. Diese bunte Landschaft ist der Weg auf dem wir gehen. Wenn wir uns die Augen durch Jesus öffnen lassen, wenn wir aufhören zwischen den Fernen und den Nächsten zu unterschieden, dann werden unsre Augen geöffnet. Das ist dann wie eine Art Blindenheilung. Sie merken vielleicht, dass ich Dorothee Sölle mit ihrer eigenen Denkrichtung noch auf andere Dimensionen der Wirklichkeit hinweise. Schon die Nachbarin, die mir mit zwei Eiern und einem Pfund Mehl aushilft wird mir zum Nächsten und das ist mir wichtiger als alle Politik und alle Wirtschaft. Doch in dieser Hinsicht hat sie dann aber auch recht behalten. Sie hat uns auf die entscheidenden Worte des Gleichnisses Jesu hingewiesen. Jesus weist nicht auf sich, sondern auf einen Fremden hin. Jesus lässt einen fremden zum Vorbild dafür werden, wie Menschen einander nahe kommen. In einer Religion, die sich auf Jesus beruft, darf es eine Frage nicht mehr geben: Wer ist denn mein Nächster? Die Frage kann nur noch lauten: Wer begegnet mir auf meinem Weg und fragt nach meiner Nähe?
Auch Jesus lebte schon in einem Geflecht von Politik und Wirtschaft, in das sich die Religion auch noch passend einfügte. Und die Welt schien einfach zu sein, denn alles war schön eingeteilt. Es gab die Armen und die Reichen, die Juden und die Römer, Frauen und Männer, Sklaven und Freie. Doch die Welt kann nicht nur aus Systemen und Unterschieden bestehen. Hier liegen die Ursachen für Feindbilder und Kriege. Hier liegen die Ursachen dafür, dass sich Menschen für eine vermeintlich gute Sache, ja vielleicht sogar für Gott opfern wollen. Sie wollen beten und mit Gott sprechen und sie hören Gottes Stimme nicht. Wären sie doch still und würden doch nur die Augen öffnen. Manchmal gibt es Menschen, die sind uns nah, weil sie ärgern und aufregen. Fühlen wir uns schwach, dann gehen wir ihnen aus dem Weg. Fühlen wir uns stark, dann wollen wir ihnen unsere Stärke beweisen. Beides ist falsch: Wir sollten uns fragen, warum es ausgerechnet diese Menschen sind, die uns in diesem Moment auffallen und ärgern. Sie regen in uns etwas an und auf, was wir an und in uns selbst vielleicht nicht wahrhaben wollen. Wer immer danach fragt, wer Freund und wer es nicht ist, wird bald nur noch auf Feinde stoßen. Dorothee Sölle hat dies gezeigt und es gibt keinen Grund zu resignieren. Jesus ist auf die anderen zugegangen. Jesus hat der Gewalt standgehalten und ist nicht ausgewichen.
Und sollten wir die Frage noch einmal hören oder selbst stellen, in der Schule, in der Konfirmandengruppe, in der Gemeinde, in der Stadt und in der Welt: "Wer ist denn mein Nächster?" So müssen wir uns als Antwort geben: Jeder Mensch ist mein Nächster, denn jeder ist als Bild Gottes geschaffen. Und hierin zeigt sich die Frage nach dem Sinn unseres Lebens. Es kommt nicht darauf an zu fragen: Was ist der Sinn meines Lebens? Sondern es kommt darauf an, in jeder Situation darauf zu hören, wonach die Welt uns fragt, womit sie uns herausfordert, worin sie nach uns verlangt und gerade uns braucht – ganz unabhängig davon, ob wir gleich oder ob wir anders sind. Diese Frage danach, was der Wille Gottes für uns ist, worin er uns begegnet, ist das intensivste Gebet, weil es nur mit offenen Augen gebetet werden kann.
Amen.
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